Mannlosstein

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Der Mannlosstein trägt die Jahreszahl 1650 und erinnert an den Aussätzigen, der in dieser Gegend gelebt hat.

Einsamer Aussätziger beim „Mannlosstein“

2020: Eine Trennlinie namens Corona-Virus verläuft durch das soziale Leben und spaltet sogar die Generationen in den Familien. Mit dem Virus getestete Personen werden in die Quarantäne geschickt und müssen die Isolation aushalten. Eine Methode, die bei Krankheiten früher konsequent angewandt wurde und ein sehr schlimmes Schicksal bedeutete: An Aussatz erkrankte Menschen wurden auch in Grenchen von der Gesellschaft total getrennt – bis zu ihrem Tod. Am Vorberg erinnert ein unscheinbarer Stein an ein solches Schicksal. Drei Wege führen von Grenchen auf den Stierenberg und von dort weiter zum Unter- und Obergrenchenberg. Zuerst einmal die neue asphaltierte Bergstrasse, die aber auch schon gut 100 Jahre alt ist. Dann die alte Bergstrasse mit Mergelbelag, die ihren Anfang bei der Holzerhütte hat. Bei gewissen Passagen ist sehr steil und für Mountainbiker und Jogger eine sportliche Herausforderung. Der Grenchenberglauf führt zu einem grossen Teil über diese Strasse. Die älteste und kürzeste Verbindung zwischen Grenchen und dem Stierenberg ist das alte Weglein. Es beginnt an der Allmendstrasse bei der Einmündung des Fichtenweges, von wo gleich rechts die kleine Strasse mit dem Namen Altweg Richtung Waldrand führt. Dann wird der Promenadenweg überquert sowie nach einem weiteren Anstieg der Wasserlochweg. Noch weiter oben, beim Limmersmattweg, ist der Einstieg in die steile und teilweise steinige Passage des Vorbergs. Gut zu Fuss sein ist hier eine Voraussetzung, bis man unterhalb des Plattenbodens in die alte Bergstrasse gelangt. Bereits weiter unten, bevor „s`alte Wegli“ (so die Grenchner Mundart) in den Unterschlagweg mündet, kommt man am sogenannten Mannlosstein vorbei. Es ist ein Stein, der etwas aus der Erde ragt und zum grossen Teil mit Moos bedeckt ist. Man muss schon genau hinschauen, um in der vom Moos befreiten Fläche die eingemeisselte Jahreszahl 1650 zu entdecken. Die meisten Menschen gehen wohl an diesem Stein vorbei ohne ihn überhaupt zu bemerken Welche Geschichte steckt nun hinter dem Mannlosstein? Eine Notiz findet sich im Grenchner Heimatbuch[1] von Werner Strub. In der Nähe soll ein Mann gelebt haben, der an einer ansteckenden Krankheit litt, an der Lepra oder, wie man ihr auch sagt, dem Aussatz. Deshalb schob man ihn an diese einsame Stelle ab. Die Grenchner Dorfbewohner brachten ihm täglich die Nahrung und stellten sie auf den Stein. Dann riefen die Boten „Mann los“ zum Zeichen, dass er das Essen abholen konnte. Aus Angst vor Ansteckung wurde jede Berührung mit dem Ausgestossenen vermieden. Gemäss der Überlieferung soll der Mann ein Reisläufer gewesen sein. Vielleicht war er während des Dreissigjährigen Krieges in fremden Diensten gewesen und nach dem Westfälischen Frieden, der 1648 diesen Krieg beendete, in seine Heimat an den Jurasüdfuss zurückgekehrt mit einem vom Aussatz kranken Körper. Dies bedeutete damals eben den Ausstoss aus der Gesellschaft. Das ist selbstverständlich nur eine Vermutung, aber die Jahreszahl 1650 liegt nahe am Westfälischen Frieden. Jedenfalls haben die Grenchnerinnen und Grenchner ihn damals mit Essen am Leben erhalten und jeden Tag den beschwerlichen Weg bis zum Mannlosstein auf sich genommen. Das merken alle, die schon mal von der Mitte des Dorfes, so ungefähr bei der heutigen Centralstrasse, bis zu diesem Stein mit der Inschrift 1650 hinauf gewandert sind. Wer daran vorbeikommt, dürfte an das tragische Schicksal des einsamen Aussätzigen denken.

Werner Strub berichtet[Bearbeiten]

Die Jahreszahl 1650 ist in dem hellen Feld noch sichtbar. Reste roter Farbe weisen darauf hin, dass die Zahlen früher rot bemalt waren.

Noch liegt der sogenannte Mann-Los-Stein mit der eingemeisselten Jahreszahl 1650 am Altweg oder "Alten Weglein", unweit der Einmündung in den Unterschlagweg. Werner Strub[1] erzählt in seinem Heimatbuch, wie der Stein mit der Geschichte eines aussätzigen Söldners aus dem Dreissigjähriger Krieg[2] zusammenhängen soll:

Der kürzeste Weg auf den Stierenberg ist der sogenannte «alte Weg». Bevor er in die Bergstrasse einmündet, sieht man rechts einen ziemlich grossen Granitblock. Er trägt die Jahreszahl 1650, die tadellos leserlich ist. Mit diesem Findling hat es folgende Bewandtnis. Hier in der Nähe lebte ein Mann, der eine gefährliche ansteckende Krankheit hatte. Er wurde an diesen einsamen Ort abgeschoben, damit er seinen Mitbürgern nicht gefährlich werde. Den Aussagen nach soll er ein Reisläufer gewesen sein, der mit dem furchtbaren Aussatz zurückkehrte. Selbstverständlich musste er auch verpflegt werden. Täglich wurde ihm das Nötige vom Dorfe aus gebracht. Aus Furcht vor Ansteckung waren die Ueberbringer besorgt, jedwelche Berührung mit dem armen Ausgestossenen zu vermeiden. Sie stellten daher den Proviant jeweilen auf den betreffenden Granitblock und riefen «Mann los», zum Zeichen, dass er das Gebrachte abholen solle. Sofort verschwanden dann die Überbringer und er holte es ab.
Das Äussere des Einsiedlers soll nicht gerade den vertrauenerweckendsten Eindruck gemacht haben, was man sich bei einer solchen Vernachlässigung denken kann. Es war ein regelrechter Waldmensch. Um die Nachwelt an seine einstige traurige Existenz zu erinnern, hat er die Jahreszahl 1650 in den harten Granitblock eingemeisselt. Furchtsame wollen noch längere Zeit den Rufnamen gehört haben.

Der Felsblock besteht allerdings nicht aus Granit sondern aus dem ortsüblichen Juragestein und ist somit auch kein Findling.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Strub, Werner: Heimatbuch Grenchen: die vergangenen Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Solothurn: Vogt-Schild, 1949, S. 525.
  2. Wikipedia: Dreissigjähriger Krieg

Quelle[Bearbeiten]