Tripoli

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Inhaltsverzeichnis

Planung der Arbeitersiedlung Tripoli[Bearbeiten]

Spatenstich für den Grenchenbergtunnel, 6. November 1911.

Tunnelbaustelle Grenchen: Unterkünfte für die Tunnelarbeiter oder das Tripoli wird geplant[Bearbeiten]

Der Grenchner Gemeinderat, beraten von Oberingenieur Ferdinand Rothpletz (Société Franco-Suisse de Construction), schätzte die Situation rund um die Arbeiterunterkünfte richtig ein und verstand es, die Entwicklung von Anfang an unter Kontrolle zu bringen, wie das Protokoll eines Augenscheins[1] der Gemeinderatskommission vom 7. oder 10. November 1911 ausührlich darlegt. Das vorbildliche Vorgehen der Grenchner war vermutlich beeinflusst von den Erkenntnissen und Ratschlägen des Simplonarztes Dr. Daniel Pometta[2], denn Ferdinand Rothpletz dürfte die Dissertation Pomettas über die Erfahrungen als Arzt der Simplon-Baugesellschaft gekannt haben. Rothpletz hielt sich offensichtlich schon beim Bau des Lötschbergtunnels an Pomettas Ratschläge.

Auf eine Anfrage beim kantonalen Baudepartement erhält der Gemeinderat die Erlaubnis, eine Abweichung vom bestehenden Baureglement einzuführen, die der Gemeinde allein das Recht einräumt, Konzessionen für den Bau von Baracken für die Tunnel- und Bahnbauarbeiter zu erteilen. Die Gemeinde Grenchen war 1911/12 mit ihren etwas mehr als 7000 Einwohnern nicht in der Lage, Hunderten von Arbeitern Unterkunft anzubieten. Die Tunnelarbeiter sollten in einer eigens für sie gebauten Siedlung nahe der Baustelle wohnen.

Die Gemeinde pachtete von zwei Eigentümern, Cäsar Vogt und Josef Luterbacher, das für die Arbeitersiedlung vorgesehene Gebiet mit der Bedingung, das Land nach der Abräumung der Baracken wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Der jährliche Pachtzins kostete die Gemeinde Fr.-.25 pro m2. Das Siedlungsgebiet verlief beiderseits der heutigen Alpenstrasse, vom Tunneleingang bis zur Einmündung der Alpenstrasse in die Kastelsstrasse. Damals war das Gebiet noch unverbaut, die Aussicht auf die Aareebene, den Bucheggberg und die Alpen war beneidenswert.

Die Grenchner Behörden veranlassten die ortsübliche Erschliessung des Gebiets mit Strassen, Wasserversorgung mit den nötigen Hydranten, Kanalisation, Elektrizität, elektrische Strassenbeleuchtung. Der Kehricht der Siedlung soll wöchentlich abgeführt werden. Mit diesen Erschliessungsmassnahmen sorgte man vorausschauend für einen hohen Stand der sanitären Einrichtungen und der Hygiene in der Siedlung.

Der Anhang zum Baureglement der Einwohnergemeinde Grenchen[Bearbeiten]

An seiner Sitzung vom 14. November 1911 hiess der Gemeinderat den "Anhang zum Baureglement der Einwohnergemeinde Grenchen" [3] gut. Mit dieser auch vom Regierungsrat und der Gemeindeversammlung vom 30. November 1911 genehmigten Verordnung verfügten die Behörden über ein wirkungsvolles Instrument für die Regelung der Wohnverhältnisse in der Arbeitersiedlung. Auf der Grundlage dieses Anhangs zum Baureglement vergab die Gemeinde das Land parzellenweise in Unterpacht an die Kantiniers und erteilte die Baubewilligungen für die Barackenbauten. Die Parzellen hatten eine Fläche von 450 m2 bis 600 m2. Die Gemeinde verlangte einen jährlichen Pachtzins von Fr.-.60 pro m2 + Fr. 200.- Depot (einmalig) für die Wiederinstandstellung des Grundstücks nach Ablauf des Pachtvertrages. Mit den Pachteinnahmen hatte die Gemeinde die Erschliessungskosten der Siedlung zu finanzieren. Die Erschliessungskosten beliefen sich auf rund Fr. 30'000.-

Die Verordnung ist heute eine wichtige Informationsquelle über die Bauweise der Baracken. Viele Minimalvorschriften geben Auskunft über die Aufteilung und Beschaffenheit des bewohnbaren Raumes. Man erfährt, dass der Wirtschaftsraum in einer Kantinenbaracke mindestens 20 m2 umfassen müsse bei einer minimalen Höhe von 3 m. Bei einem Flächeninhalt von 70 m2 war die Höhe mit mindestens 3.50 m vorgeschrieben.

In den Schlafzimmern verlangte man für jede Person mindestens 7 m3 Luftraum. Logiszimmer mussten nach aussen führende Fenster aufweisen, deren Flügel wenigstens bis zu zwei Drittel geöffnet werden konnten. Die Anzahl der Bettstellen in einem Logiszimmer war an der Türe anzuschlagen. Innert 24 Stunden durfte eine Schlafstätte nur einmal benutzt werden.

Ferner bestanden Vorschriften über die Ausführung von Böden und Zwischenwänden sowie über die Breite der Gänge in den Schlafbaracken. Die Baracken selber waren in der Regel einstöckige Gebäude (Erdgeschoss, 1. Stock und Dachzimmer).

Auch beim Bau der Küchen waren klare Vorschiften einzuhalten. So findet man in der Verordnung folgende Vorgaben: Die Küchen sollen hell, gut lüftbar, geräumig und mit Stein- oder Zementböden ausgerüstet sein. Jede Küche war mit einem Schüttstein zu versehen, der einen Ablauf aus Guss- oder Steinzeugröhren von mindestens 60 mm Durchmesser aufweist und direkt in die Kanalisation oder in die Abortgruben führt.

Entsprechend strenge Massstäbe kamen bei den Toiletten zur Anwendung. Wasserspülungen für sämtliche Aborte und Pissoirs waren vorgeschrieben. Vorzusehen waren genügend Aborte und Wascheinrichtungen in den Massenquartieren, die Anzahl bestimmte der Gemeinderat. Die Aborte waren mit Steinböden auszurüsten. Abortgruben aus Stein oder Beton mit Ueberlauf in die Kanalisation waren für alle Baracken vorgeschrieben.

Die Baugeschichten der Tunnelbauten im frühen 20. Jahrhundert berichten immer wieder von Hygiene-Problemen im Umfeld der Arbeiterunterkünfte. So kam es 1901 auf der Simplonbaustelle im Wallis zu einer Typhus-Epidemie mit 110 Krankheitsfällen. Während des Baus des Simplontunnels starben auf der Walliser Baustelle insgesamt 10 Menschen an Typhus. Geradzu katastrophale hygienische Zustände brachte eine Untersuchung auf den Baustellen des Gottardtunnels an den Tag.

Dem geschickten Vorgehen der damaligen Grenchner Gemeindebehörden ist es zu verdanken, dass die Tunnelarbeiter und ihre Angehörigen von solchen Problemen verschont blieben.

Im Mai 1912 führte eine Abordnung der Gesundheitskommission eine Inspektion der Wirtschafts- und Wohnbaracken in Grenchen durch. Es kam zu Beanstandungen, die hauptsächlich die Ordnung und Sauberkeit in einzelnen Baracken betrafen. Dennoch hatte diese Inspektion zur Folge, dass der Kehricht wöchentlich zweimal abgeführt wurde und nicht nur einmal wie es vorher der Fall war.

Worüber sich die Bauvorschriften ausschwiegen, war die Heizung der Baracken. In den Arbeiterwohnungen waren es sicher die holzgefeuerten Kochherde, die im Winter für etwas Wärme sorgten. Das Brandrisiko in den Baracken war hoch. Vielleicht erwartete man von den Zimmermietern, dass sie sich im Winter vermehrt in den geheizten Kantinen und Weinstuben aufhielten.

Wohnen im Tripoli[Bearbeiten]

Barackensiedlungen[Bearbeiten]

Ganz in der Nähe der grossen Eisenbahn- und Tunnelbaustellen in der zweiten Hälfte 19. und im frühen 20. Jahrhundert entstanden sie, die Barackensiedlungen für die Tunnelarbeiter. Wir kennen unter vielen anderen die Siedlungen beim Bau des Gotthardtunnels in Göschenen und Airolo (1872-1882), in Naters (Simplontunnel 1898-1906), in Goppenstein und auf der Berner Seite des Lötschbergs Kandersteg (1906-1913). Gleichzeitig mit dem Tripoli Grenchen gab es das Tripolis Trimbach b. Olten als Siedlung für die Arbeiter des Hauenstein-Basistunnels (1912-1916). Der Ghetto-Charakter dieser Siedlungen lässt sich nicht wegdiskutieren.

Baugesellschaften: Gesundheit und Unterkunft der Tunnelarbeiter[Bearbeiten]

Die Tunnelbaugesellschaften kümmerten sich wenig um die Arbeiterunterkünfte und überliessen diesen Bereich meistens Privaten und den am Ort zuständigen Gemeindehörden. Selbst im Schlussbericht zum Bau der Lengnau-Münster Bahn aus dem Jahre 1917 liest man zum Thema Unterkünfte die lapidare Feststellung: „In der Nähe des Installationsplatzes wurde seitens der Gemeinde Grenchen Platz zur Verfügung gestellt zur Erstellung der erforderlichen Arbeiterwohnbaracken“. Dies obwohl die Baugesellschaft der Münster-Lengnau-Bahn bei der Planung der Arbeiterunterkünfte eng und vorbildlich mit den Gemeindebehörden Grenchens zusammenarbeitete.

Das Gesundheitswesen für die Arbeiter jedoch war den Baugesellschaften stets ein Anliegen, das sie unter ihre Kontrolle bringen wollten. Es entstanden bei manchen Baustellen kleine Spitäler oder Lazarette und einige Arbeiterunterkünfte mit Verpflegungsmöglichkeit. Das war in Grenchen nicht anders. So gehörten zu den Bauten auf dem Grenchner Installationsplatz der Société Franco-Suisse de Construction auch zwei kleinere Arbeiterwohnhäuser, ein Angestelltenwohnhaus, eine Badeanstalt (35 Duschen, 4 Wannenbäder, eine Trockeneinrichtung für die Arbeitskleider). Eine betriebseigene Wäscherei wusch die Arbeitskleider und besorgte für ein bescheidenes Entgelt die Privatwäsche der Arbeiter. Südöstlich des Tunneleingangs stand das Betriebsspital mit 35 Betten. Ein angestellter Arzt, Dr. Hagnauer, kümmerte sich um die Kranken. Die beiden ortsansässigen Aerzte, Dr. Girard und Dr. Levy, arbeiteten oft im Spital und wurden bei schwierigen Fällen beigezogen.

Die Tunnelarbeiter in Grenchen waren fast ausschliesslich Italiener. Nur wenige Arbeiter kamen aus dem Balkan und aus anderen Nationen.

Baracken, Kantinen und ein Arbeiterhilfswerk[Bearbeiten]

Café P. Gandolfo.

Sobald der Bau eines Tunnels beschlossen war, meldeten sich Spekulanten, Barackenbesitzer und Kantiniers, um in der Nähe der Baustellen Land zu pachten oder sogar zu kaufen. Entweder veräusserten sie das erworbene Land zu erhöhten Preisen oder sie bauten ihre Baracken darauf, die als Kantinen, Ladengeschäfte oder Wohnunterkünfte für die italienischen Arbeiter dienten. In der Zeit der Tunnelbauten entwickelten sich einige Barackenbesitzer zu Unternehmern, die mehrere Kantinen und Wohnbaracken bei einer oder sogar bei mehreren Baustellen betrieben. Es war also durchaus üblich, dass die Barackenbesitzer ihre Baracken an Kantiniers vermieteten.

Die Kantinen waren Restaurants, Weinstuben, Musik- und Tanzlokale. Die Wohnunterkünfte, Mietzimmer und Wohnungen, vermieteten die Barackenbesitzer an die Tunnelarbeiter. Solche Arbeitersiedlungen entstanden innert Wochen oder wenigen Monaten. Die lokalen Behörden kümmerten oft erst um die Siedlungen, wenn alarmierende Missstände auftraten im Bereich der Hygiene, der Wohnsituation oder bei zunehmender Kriminalität.

Mit den sozialen Anliegen der italienischen Arbeiter befasste sich die von Geremia Bonomelli (1831-1914), Bischof von Cremona, gegründete und auf kirchlicher Basis arbeitende Opera di Assistenza degli Italiani emigrati. Diese Organisation half den Arbeitern und ihren Familien bei rechtlichen Problemen, bei Familienfragen und erledigte schriftliche Arbeiten aller Art. Es war auch die Opera di Assistenza, die sich sehr erfolgreich für die Einrichtung der Italienerschulen in den Arbeitersiedlungen einsetzte. Im Tripoli Grenchen war die Organisation mit dem Schulhäuschen anwesend, das neben der Italienerschule auch das Arbeitersekretariat der Opera di Assistenza beherbergte.

Wohnen im Barackendorf Tripoli[Bearbeiten]

Grundrissversuch von A. Fasnacht. 1. Stock (Mietzimmer) einer grossen Baracke.
Grundrissversuch von A. Fasnacht. Barackenwohnung im Erdgeschoss.

Im Tripoli entstanden nach und nach 67 Häuser, 11 aus Stein, 56 aus Holz. 27 Wirtschaften und 11 Verkaufsläden boten ihre Dienstleistungen und Waren an. Im Gegensatz zu den Barackenbauten gelangte für die Neubauten aus Stein das ordentliche Baureglement der Gemeinde Grenchen zur Anwendung. Nicht selten vergaben die Barackenbesitzer ihre Bauten gesamthaft an einen Kantinier oder Ladenbesitzer in Unterpacht. Andere Barackenbesitzer waren selber als Kantinier oder Ladenbesitzer tätig und vermieteten zusätzlich einige Zimmer oder Wohnungen.

Die Grenchner Behörden wie auch die Tunnelbaugesellschaft gingen davon aus, dass im Tripoli eine Umgebung entstehen würde, die es den Tunnelarbeitern ermöglichte, kostengünstige Unterkünfte zu mieten und ein reichhaltiges Verpflegungsangebot vorzufinden. Die zahlreichen Restaurants, Musik- und Tanzlokale sollten nach der harten Arbeit für Ablenkung und Unterhaltung sorgen.

Im Barackendorf wohnten zeitweise mehr als 1000 Personen. Die Bewohnerzahl dürfte 600 nur selten unterschritten haben. Diese Zahlen werden erhärtet durch die Angaben im Schlussbericht der Baugesellschaft. Die mittlere Anzahl Arbeiter auf der Baustelle Grenchen belief sich auf 575, die maximale Anzahl betrug 908 Arbeiter. Etliche Italiener brachten ihre Familien mit in die Schweiz. Neben den Arbeitern sorgten Frauen und Kinder für ein buntes Leben im Tripoli. Der dörfliche Charakter der Siedlung ist nicht von der Hand zu weisen.

Ein empfindlicher Rückgang der Bewohnerzahl dürfte im August 1914 bei Kriegsausbruch stattgefunden haben. Die Italiener verliessen zu Tausenden die Schweiz aus Sorge um ihre Angehörigen und ihr Heimatland. Der bauliche Fortschritt des Tunnels und der Viadukte verlangsamte sich vorübergehend stark, dies auch wegen der Mobilmachung der schweizerischen Armee.

Leider kennt man die Baracken nur von aussen. Bis heute liess sich kein Barackenplan auffinden, der Auskünfte über die Raumaufteilung geben könnte. Bilder der Innenräume fehlen ebenfalls. Auch in Trimbach ist es bis jetzt nicht gelungen, Barackenpläne oder Innenaufnahmen der Baracken zu finden. Dennoch soll hier versucht werden, aufgrund der Schilderungen von Zeitzeugen, Aussenaufnahmen und der Bauvorschriften ein Bild der damaligen Wohnsituation zu vermitteln.

Betrachtet man die Holzbauten der Siedlung, lassen sich grob zwei Barackentypen unterscheiden: Kleinere, annähernd quadratische Gebäude und lange rechteckige Bauten. Beide Typen weisen meistens auf der Langseite Treppenaufgänge in den 1. Stock auf. Es dürfte vermutlich so gewesen sein, dass man im Erdgeschoss ein Gewerbe betrieb und im 1. Stock einige Zimmer an die Arbeiter vermietete. Es gab auch reine Wohnbaracken, die wahrscheinlich an Arbeiterfamilien vermietet waren: Im Erdgeschoss und im 1. Stock je eine Wohnung oder im Erdgeschoss eine Wohnung und im 1. Stock zwei bis vier Mietzimmer. Auch die grossen Baracken wiesen vermutlich ähnliche Strukturen auf mit anzahlmässig grösserem Raumangebot. Es ist anzunehmen, dass die grossen Holzbauten im Erdgeschoss mehrheitlich gewerblich genutzt wurden.

Der Grundriss einer Barackenwohnung im Erdgeschoss könnte laut Schilderungen von Zeitzeugen wie folgt eingeteilt gewesen sein:

In kinderreichen Familien teilten mehrere Kinder ein Bett. Der eigentliche Wohnraum und Treffpunkt der Familie war die Küche. Der mit Holz gefeuerte Herd war gleichzeitig auch der Ofen für die ganze Wohnung.

Die Frauen im Tripoli[Bearbeiten]

Während die Männer ihrer harten Arbeit im Tunnel oder auf den Viaduktbaustellen nachgingen, war der Alltag der Frauen im Tripoli bestimmt durch die Kindererziehung, das Besorgen der Haushaltung, Kochen und Einkaufen. Beim Einkaufen in den Läden des Tripoli brauchten die Italienerinnen keine Einkaufstaschen. Sie trugen die Einkäufe in ihren Schürzen nach Hause. Die Hausfrauen wuschen die Familienwäsche meistens draussen vor der Baracke. Für den grösseren Waschtag besorgten sie sich leihweise ein Kochkessi. Als Nebenerwerb war es weit verbreitet, Kostgänger zu haben, die gegen Bezahlung am Familientisch die Hauptmahlzeiten einnahmen. Viele Tripoli-Frauen arbeiteten gelegentlich als Putz- und Waschfrauen bei Grenchner Familien.

Zahlreich waren die Familien, die im Tripoli als Nebenerwerb einen Kleinhandel mit verschiedenen Waren, so zum Beispiel mit italienischen Weinen und Käsesorten, Stockfisch und Wurstwaren betrieben. Kunden empfing man in der Küche, wo die Waren auf einem Tisch auslagen. Um irgendwelche Bewilligungen für diesen Kleinsthandel kümmerte sich niemand.

Ernährung im Tripoli[Bearbeiten]

Arbeiterfamilien: Im Tripoli ernährte man sich einfach und kalorienreich. Erwähnt seien zuerst die Minestren, die italienischen Suppen mit ihren vielfältigen Beigaben, sie gehörten zum Ernährungsalltag im Tripoli. Teigwaren aller Art, Polenta, hie und da Risotto, alles mit verschiedenen Saucen übergossen, standen ebenfalls auf den Speisezetteln der Familien. Einfache Fleischgerichte (Ragout aus allen Fleischsorten in fetter Sauce schwimmend) oder Geflügel servierte man an Sonn- und Feiertagen dazu. Brot gehörte immer auf den Tisch als Begleitung und zum Auftunken der Saucen. Auch eine Schale mit Reibkäse steht da. Bei besonderen Anlässen verwöhnten die Hausfrauen ihre Lieben mit feinen Gebäcken wie Panettone, verschiedenen Kuchen und Biscotti.

Im kleinen Garten hinter der Baracke pflanzten sich viele Familien ihr eigenes Gemüse. Kartoffeln waren nicht sehr beliebt. Früchte beschaffte man sich im Laden oder direkt vom Bauernhof. Das Beerenpflücken im nahen Wald war bei Frauen und Kindern recht beliebt.

Vergessen seien keinesfalls die italienischen Käsesorten, Schinken, Speck und die Wurstwaren wie Salami in allen Varianten, Mortadella, auch hausgemachte Würste kamen auf den Tisch. Gerade die italienischen Arbeiter liebten ihren Stockfisch (getrockneter, stark gesalzener Fisch).

Als Getränk stand immer eine Karaffe mit Wasser auf dem Familientisch. Die Eltern gönnten sich ein Glas Rotwein, meistens verdünnt mit Wasser. Bier ist hier unbedingt zu erwähnen, es war das Lieblingsgetränk der Tunnelbauer und wurde in grossen Mengen getrunken.

Auffallend ist die Tatsache, dass in den damaligen einfachen italienischen Arbeiterhaushalten ragoutähnliche Fleischgerichte mit fettreichen Saucen auf den Tisch gelangten. Das Fleisch war teuer und eine Sonntagsspeise. Heute gehören diese Fleischgerichte, abgesehen vom Sugo, wohl kaum mehr zur italienischen Standardküche, die mehrheitlich gebratenes Fleisch ohne Saucenbeigaben kennt.

Alleinstehende Arbeiter: Die Ernährung der ledigen und alleinstehenden Arbeiter hingegen liess meistens sehr zu wünschen übrig. Der Alkoholismus war stark verbreitet und die Arbeiter ernährten sich nicht selten einseitig mit Brot und Konserven, um Kostgeld einzusparen. Negative Auswirkungen auf die Gesundheit blieben denn auch nicht aus.

Angst und Sorgen[Bearbeiten]

Angst und Sorgen waren die treusten Begleiter der Tunnelarbeiterfamilien. Niemand kannte die Gefahren und Risiken besser als die Tunnelarbeiter selber und ihre Angehörigen. Ereigneten sich doch allein auf der Südseite des Tunnels, in Grenchen, 8 tödliche Arbeitsunfälle und 556 Arbeitsunfälle mit mehr als sechstägiger Arbeitsunfähigkeit. Der Grossvater der Familie Maccioni fiel einem Unfall zum Opfer, als im Grenchenbergtunnel eine Dynamitstange in seiner Hand explodierte und ihn tödlich verletzte. Die meisten der tödlichen Unfälle geschahen durch Steinschlag, Steine die sich von der Decke des Tunnels lösten und Arbeiter erschlugen. Helme und andere Schutzeinrichtungen kannte man noch nicht.

Die gefährliche Arbeit im Vollausbruch. Grenchenbergtunnel.

Von der Familie Orlando wissen wir, dass bei Unfällen und alarmierenden Zwischenfällen eine Sirene auf dem Werkplatz vor dem Tunneleingang ertönte. Jedesmal wenn die Sirene das Tripoli hinauf tönte, eilten die besorgten Ehefrauen und Kinder der Tunnelarbeiter zum Werkplatz, um sich nach dem Grund für den Alarm zu erkundigen.

Viele Familienväter litten erst Jahre nach dem Tunnelbau unter der Mineurkrankheit (Staublunge). Für sie gab es keine Rettung. Nach jahrelangem Leiden mussten sie sterben und hinterliessen ihre oft kinderreichen Famlien. Für diese tragischen Fälle gab es keine Versicherungsleistungen.

Die Italienerschule im Tripoli[Bearbeiten]

Schulschwänzen galt auch im Tripoli nicht![Bearbeiten]

Zur Infrastruktur im Tunnelbauer-Dorf Tripoli gehörten auch das kleine, aber für die damalige Zeit gut eingerichtete Spital, eine Bad- und Waschanstalt und schliesslich ein kleines Schulhäuschen, das sogenannte "Châlet". Sowohl der italienische Staat als auch der Kanton Solothurn hatten ein grosses gemeinsames Interesse daran, dass die Kinder der Tunnelarbeiter einen möglichst guten Schulunterricht erhielten.

Eine höchst anspruchsvolle Zielsetzung[Bearbeiten]

Bei der Abklärung der Bedürfnisse für eine eigene Italienerschule legten die Schulkommission Grenchen und der Regierungsrat die Annahme zu Grunde, dass 1'500 bis 2'000 italienisch sprechende Arbeiter im Tripoli wohnen würden. Davon leiteten sie ab, dass ab Sommer 1912 jeweils 150 bis 200 schulpflichtige Kinder zu unterrichten wären. Nachdem aber diese Arbeiterzahlen kaum einmal erreicht wurden, dürfte auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder geringer gewesen sein.

Die Schulkommission Grenchen gelangte im Frühjahr 1912 an den Regierungsrat des Kantons Solothurn und beantragte diesem die Schaffung einer Spezialschule für ausschliesslich italienisch sprechende Kinder. Diese würden zu einem Teil, so glaubte die Schulkommission, nach Abschluss der Bauarbeiten wieder nach Italien reisen und ihre Schulpflicht in ihrem Heimatland abschliessen können. Mit der Gründung einer Italiener-Schule wollte man den Kindern der Tunnelarbeiter die Chancen auf eine lückenlose Schulbildung garantieren können. Dann aber führte die Grenchner Schulkommission aus:

<blockquate> "Es gilt als selbstverständlich, dass diejenigen Kinder von italienischen Bauarbeitern, welche unsere Sprache so weit beherrschen, dass sie dem ordentlichen Unterricht in unserer Volksschule folgen können, verhalten werden, unsere Schulen zu besuchen." </blockquate>

Die Mitglieder der Schulkommission nahmen wohl – nicht zu Unrecht – an, dass gerade diese Kinder nach Abschluss der Tunnelarbeiten in Grenchen oder in der Umgebung bleiben würden. Deshalb wurden frühzeitig positive Voraussetzungen für eine optimale Integration dieser Kinder geschaffen.

Eine angesehene italienische Hilfsorganisation[Bearbeiten]

Schulhaus im Tripoli.

In Italien gründete Geremia Bonomelli (1831 – 1914), Bischof von Cremona, 1900 die „Opera di Assistenza degli Italiani emigrati“, einer Hilfsorganisation zur Unterstützung der ausgewanderten Italiener in Europa. Diese Institution unterhielt Schulen und weitere soziale und kulturelle Einrichtungen, die den italienischen Arbeitern im Ausland zugute kamen. Bonomelli war ein für seine Zeit moderner und aufgeschlossener Geistlicher. Er setzte sich für die Trennung von Staat und Kirche sowie auf eine grössere Weltoffenheit der Kurie ein. Seine 1889 anonym veröffentlichte Schrift „Roma, l'Italia e la realità delle cose“, in der die Unmöglichkeit der Rückgewinnung der weltlichen Macht durch den Vatikan belegte, wurde vom Papst noch im gleichen Jahr auf den Index der verbotenen Publikationen gesetzt[4].

In unserer Gegend vertrat Pfarrer Luigi Mietta aus Olten das Hilfswerk Bonomellis. In Olten leitete er eine Abendschule für die italienischen Arbeiter im Hauensteintunnel, welche deutsch lernen wollten. Der damalige Stadtammann von Olten, Dr. Hugo Dietschi, charakterisierte Pfarrer Mietta in einem Schreiben an den Grenchner Gemeindeammann als einen fürsorglichen, ernsten und friedlichen Geistlichen, der allgemein hohes Ansehen geniesse. Mietta sei geeignet, der in Grenchen diskutierten Italienerschule vorstehen zu können.

Vorbild Goppenstein[Bearbeiten]

Lage des Schulhauses Tripoli: nahe der Kastelsstrasse.

In Grenchen wurde im Tripoli das kleine Schulhaus aufgestellt, das bereits in Goppenstein beim Bau des Lötschbergtunnels gute Dienste leistete (dort diente das "Chalet", so nannte man das Holzhäuschen liebevoll, als Büro und Sekretariat der Organisation Bonomelli. Die Bonomelli-Schulen in Kandersteg und Goppenstein waren in grösseren Gebäuden untergebracht), wo die Schule ebenfalls vom italienischen Hilfsverein geführt wurde. Die Organisation Bonomellis beorderte zwei Schwestern nach Grenchen, die dem Orden der Salesianerinnen angehörten und im Lehrerinnenseminar von Cuneo (Piemont) ihr Lehrerinnenpatent erworben hatten. Schwestern der gleichen Kongregation waren im Spital im Tripoli tätig und betreuten das Kinderasyl, den Kindergarten. Neben dem Schulhäuschen im Tripoli, dem "Châlet", wurde der Italienerschule auch das westliche Erdgeschoss des Schulhauses I zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde Grenchen stellte Martha Keller aus Solothurn als Lehrerin an der Italienerschule an. Martha Keller besass das Solothurner Lehrerinnenpatent und war während vieler Jahre in Livorno (Italien) im Schuldienst tätig. Ihre Aufgabe war es unter anderem auch, dafür zu sorgen, dass in der Schule im Tripoli zu Grenchen das solothurnische Schulgesetz beachtet und die vom Erziehungsdepartement erlassenen Bestimmungen eingehalten wurden. Nicht zuletzt musste Marzha Keller dafür sorgen, dass die Absenzenkontrolle strikte geführt wurde. Grossen Wert legte die Regierung auf die Erteilung eines konfessionell neutralen Unterrichtes. Der Religionsunterricht musste in besonderen gesetzlich vorgesehenen Religionsstunden erteilt werden.

Der Regierungsrat regelte auch die finanziellen Angelegenheiten: Die Gemeinde Grenchen entlöhnte Martha Keller nach den kantonalen Bestimmungen wie die eigenen Lehrkräfte und unterstützte die Schule mit 2000 Franken jährlich. Der Kanton Solothurn leistete zusätzlich jährlich je 400 Franken für jede der beiden italienischen Lehrschwestern. Er behandelte Martha Keller als solothurnische Lehrkraft und subventionierte deren Lohn (der wie damals üblich auch eine Wohnungsentschädigung, eine Altersgehaltentschädigung und selbst eine Bürgerholzgabe beinhaltete) nach Massgabe der gesetzlichen Bestimmungen. Die italienische Schule im Tripoli wurde von Pfarrer Luigi Mietta als verantwortlicher Leiter geführt. Die weiteren Kosten für die Schule und die italienischen Lehrschwestern hatte der Hilfsverein zu tragen.

Integration war vorgesehen[Bearbeiten]

Sowohl die Gemeindebehörden als auch der Solothurner Regierungsrat waren sehr realistisch und wussten, dass nicht wenige der Kinder in Grenchen oder in der Umgebung bleiben würden. Aus diesem Grunde wurde verfügt, dass Kinder, die dem Unterricht in der öffentlichen Schule folgen konnten, in der Gemeindeschule integriert werden müssen. Die Kinder, welche die Italienische Schule besuchten, mussten nach den Solothurnischen Lehrplänen unterrichtet werden und erhielten zusätzlichen Deutschunterricht. Zusätzlich verlangte die Regierung, dass bei der Unterrichtsgestaltung auf das Heimatland der Kinder gebührend Rücksicht zu nehmen sei. Als Lehrmittel mussten jene des Kantons Tessin verwendet werden oder wo dies nicht gut möglich war jene der öffentlichen Schulen des Königreichs Italien. In jedem Fall waren diese rechtzeitig vor Schulbeginn dem Erziehungsdepartement des Kantons Solothurn vorzulegen.

Hausaufgaben für Grenchen[Bearbeiten]

Die Bestimmungen und Erwägungen der Solothurner Regierung im Zusammenhang mit der Italienerschule in Grenchen wurden in vier Fortsetzungen im "Grenchner Volksblatt"[5] 1912 veröffentlicht. Die Solothurner Regierung legte grossen Wert auf eine grösstmögliche Transparenz.

Am Schluss des regierungsrätlichen Beschlusses erhielt die Gemeinde einen Auftrag. Sie musste untersuchen, wer von den Tunnelarbeitern dem Alter entsprechend fortbildungsschulpflichtig war. Gleichzeitig wurde die Gemeinde beauftragt, der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, auf welche Weise diese jungen Menschen zu ihrem Fortbildungsunterricht kommen könnten.

Die Solothurner Regierung handelte im Fall der Italienerschule in Grenchen klug und umsichtig. Ganz klar stellte sie ihren Anspruch auf die Schulhoheit fest und regelte auch, mit welchen Mitteln sie ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen wollte. Neben der Schulkommission Grenchen, der grosse zusätzliche Arbeiten warteten, kam auch das solothurnische Schulinspektorat für Primarschulen zum Einsatz. Gleichzeitig war sich der Regierungsrat bereits bewusst, dass etliche der Kinder von Tunnelarbeitern in Grenchen bleiben würden. Entsprechend verlangte er, dass ihnen möglichst rasch Deutschunterricht erteilt werde. Damit bewegten sich die Kantons- und Gemeindebehörden auf einem hohen moralischen Niveau.

Das Tripoli - Eine Attraktion[Bearbeiten]

Tripoli und Tunnelbau - eine Attraktion[Bearbeiten]

Sonntag im Tripoli

Das Dorf der Tunnelarbeiter, das Tripoli, war eine Attraktion erster Güte für Grenchen. Die Grenchner und unzählige Besucher aus der näheren und ferneren Umgebung trafen sich an Wochenenden im Tripoli. Unterhaltung und Kurzweil waren angesagt. Die 27 Restaurants, Weinstuben, Musik- und Tanzlokale des Dorfes boten eine bunte Palette südlicher Unterhaltung. Das Barackendorf und seine Bewohner zogen die Schweizer Besucher in Scharen an. Das italienische Ambiente und das bunte Leben der Südländer kannte man bislang nur aus Reisebeschreibungen.

Sicher fiel den Besuchern als erstes das vokalreiche Stimmengewirr im Tripoli auf. Bei gutem Wetter sassen die Italiener draussen vor ihren Barackenwohnungen, unterhielten sich lautstark und gebärdenreich mit den Nachbarn. Manche Besucher hörten wohl etwas genauer auf die melodiöse Sprache, deren Wohlklang auch dann überwiegt, wenn einfache Leute sie sprechen.

Die braunen und temperamentvollen Südländer standen im Kontrast zu den oft bleichen, bedächtigen Fabrikarbeitern aus Grenchen. Das zeigte sich nicht nur auf der Ebene der Sprachen. Vielleicht waren es gerade diese Unterschiede, die man beim Besuch des Tripoli feststellen und erleben wollte.

Zahlreiche Besucher kauften in den Tripoli-Läden Spezialitäten ein: Salami, Teigwaren, Weine. Dabei konnten sie die italienischen Hausfrauen beim Einkaufen beobachten. Laut und kritisch ging es zu und her, denn die Preise waren selbstverständlich alle viel zu hoch. Sprachlos waren die Tripolibesucher, als sie eine junge Mutter bemerkten, die auf der Barackentreppe sitzend ihr Jüngstes stillte. So etwas hatten sie noch nie gesehen - und erst noch in aller Oeffentlichkeit!

Attraktionen am laufenden Band[Bearbeiten]

Ein Kinematograph öffnete im Tripoli seine Pforten. Italienische und deutsche Stummfilme flimmerten über die Leinwand in der Baracke. Der Besitzer wollte mit deutschen Programmen und mit Inseraten im Grenchner Volksblatt auch die Grenchner ins Tripolikino locken, was ihm offenbar nicht besonders gut gelang. In Grenchen gab es bereits drei Kinos mit einem vielfältigen Programmangebot: Kino Sirius beim Restaurant Rosengarten, die Kinos im Restaurant Bad und im Restaurant Bellevue.

Selbst der Grenchner Musikverein Helvetia gab 1912 einige Konzerte im Tripoli und zwar in der Grande Cantine. Sogar die Musikgesellschaft Lengnau trat in der Grande Cantine im Tripoli auf.

Welche Anziehungskraft die Grossbaustelle in Grenchen ausübte, bezeugt ein Inserat des Restaurants Schönegg. Die Aussicht auf die Tunnelbaustelle wird ganz besonders hervorgehoben.

Paul O. Zoller berichtet aus dem Tripoli[Bearbeiten]

In einem der ersten Grenchen-Führer, einem hochinteressanten Zeitdokument, ist das Italienerdorf Tripolis als spezielle Sehenswürdigkeit beschrieben. Der Autor Paul O. Zoller erzählt uns als Zeitzeuge im Jahre 1913 mit poesievollen Worten:

"Tripolis bei Grenchen, wer hat nicht schon davon gehört! Diesem Eldorado so vieler Söhne des Südens, die sich dort mit Kind und Kegel niedergelassen haben! Die Häuslein sind da so schön hingestellt, als ob sie ein Kind aus einer Spielschachtel genommen und so platziert hätte.

Die Leser wissen, dass die meisten Tripolitaner am Tunnelbau beschäftigt sind. Der Bauplatz ist eingesäumt und wir hören das Brausen und Schnaufen der Maschinen und Lokomobile, das Hämmern und Klopfen, sowie hie und da die Kommandorufe der Vorarbeiter.

Was uns bei einem Gange durch Tripolis auffällt, ist die grosse Zahl der Pinten. Das kommt daher, weil die Barackenvermieter schnell reich werden wollten. Daran haben sich jedoch viele getäuscht, denn die grosse Zahl der Italiener sind sehr genügsam und gedenkt am Zahltage zuerst seiner Lieben im Süden.

Dem Charakter des Dorfes gibt das jedoch keine Veränderung und so wird diese Kolonie namentlich an Sonntagen viel von Auswärtigen besucht. An dem Tun und treiben dieser Leute wird ein lebhaftes Interesse an den Tag gelegt. Mit Neugierde streckt man Köpfe und Hälse in offene Türen und Fenster, um etwas ersehen oder ergattern und dann nachher zu Hause etwas Sensationelles erzählen zu können.

Dabei wird geschimpft und lamentiert über die Hauptstrasse, die mitten durchs Dorf geht. Begegnet man einer schwarzäugigen Signorina, so bleibt mancher stehen und beneidet die Tripolisbewohner um diese Ortsverschönerung, um diese glänzenden, feurigen Augen, die uns einen Gruss bringen aus der Heimat der Trägerin derselben, die gleich sind einer Fata-Morgana aus dem sonnnigen Italien.

Man betrachtet ferner mit Interesse die italienischen Kugelspiele, oder geht in ein Ristoranto, um einen musikalischen "Tschinggen" die Ziehharmonika spielen zu hören. Musik muss sein bei ihnen. So treffen wir fast in jeder Wirtschaft ein elektrisches Klavier an, welches sicher müde ist, wenn der Sonntag vorbei ist.

Links vom Dorfe befindet sich, wie schon erwähnt, ein Teil des Arbeitsplatzes.

Und wenn wir uns das gewaltige Werk näher ansehen, muss auch ein grosser Teil der Verachtung und des Misstrauens schwinden, mit dem der "Tschingge" bedacht zu werden vielfach die Ehre hat. Der Tunnelbau, das Viadukt, sie beide sind die gemeinsame Arbeit dieser Leute, ohne ihre Mithülfe könnte sich der beste Ingenieur keine Lorbeeren holen.

Als ich an einem Sommer-Abend einen Gang durch diese Ansiedelung machte, sah man manchen italienischen Vater, seine Pfeife schmauchend, vor seiner Baracke sitzen. Das war so ein Idyll aus Tripolis. Und wie ich einem Alten zusah, stieg in mir, wie vielleicht auch in ihm der italienische Spruch auf:

Casa mia, casa mia,
Si piccina che tu sia,
Tu mi sempri una badia.

Mein Haus, mein Haus,
So klein du auch bist,
Du bist mir eine Abtei."

Das Interesse schwindet[Bearbeiten]

Doch schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1912 lässt das Interesse am Tripoli allmählich nach. Die Besucherzahl nimmt laufend ab. Die Kantinier geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Der Reiz des Neuen ist verflogen. Am 4. Juli 1914, etwa vier Monate vor dem Tunneldurchstich und einen Monat vor dem Kriegsausbruch, liest man im Grenchner Tagblatt:

... und heute ist die Zahl derer, die noch das Tripolis bewundern wollen, äusserst gering. Von den Italienern die hier wohnten, sind immer mehr nach dem Dorfe Grenchen gezogen und haben sich hier niedergelassen. Die Einwohnerzahl der einst so besuchten Stadt wurde eine geringere; die Hütten stehen jetzt schon zum Teil leer."

Warum kamen sie nach Grenchen?[Bearbeiten]

Warum kamen sie in die Schweiz und nach Grenchen?[Bearbeiten]

Im Tripoli, der Tunnelarbeitersiedlung in Grenchen, wohnten zeitweise bis zu tausend Menschen, fast ausnahmslos Italienierinnen und Italiener. Was bewog diese Menschen, ihre Heimat zu verlassen und sich in der Schweiz niederzulassen, hier zu arbeiten und ein Auskommen zu finden?

Im Gefolge der Einigung Italiens 1861 trug die verheerende Steuer- und Zollpolitik der Regierung in grossem Masse zur Agrarkrise und zur Verelendung der Kleinbauern und der Landarbeiter bei. Die südlichen Landesteile und Sizilien waren besonders betroffen. Ein weiterer Faktor für die Auswanderung war die Bevölkerungsexplosion ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1870 und 1911 vermehrte sich die Bevölkerung Italiens von 27 Mio. auf 35 Mio. Menschen oder um etwa 30%.

Im Süden Italiens verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme durch eine Serie von Naturkatastrophen: Erdrutsche, grosse Eruptionen der Vulkane Vesuv und Aetna. Das Erdbeben von 1908 zerstörte Hunderte von Dörfern und forderte über 60'000 Menschenleben. Die wirtschaftliche Not war der Grund für Bauernaufstände. Die Armee schlug diese Revolten brutal und blutig nieder.

Vor diesen Szenarien blieb der Bevölkerung tatsächlich keine andere Wahl, als wegzugehen und auszuwandern.

Die aufstrebende Industrie in Europa sowie Grossbauprojekte (Eisenbahn-, Strassen- und Städtebau) lockten Tausende von italienischen Staatsangehörigen in die nördlichen Nachbarstaaten. Viele Süditalienerinnen und Süditaliener verliessen ihre Heimat für immer, überquerten den Atlantik in Richtung Nord- und Südamerika. Vor allem die Auswanderer aus Nord- und Mittelitalien zog es in Richtung Norden in die Industrienationen Europas.

Seit der statistischen Erfassung der Emigration in Italien (1876) verliessen bis zum Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg (Mai 1915) 14 Millionen Menschen die Apeninnen-Halbinsel. Selbst heute können wir uns das Leid und die menschliche Tragik kaum vorstellen, die sich hinter diesen Zahlen verbergen.

Aus schweizerischer Sicht[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der zunehmenden Industrialisierung wandelte sich die Schweiz vom klassischen Auswanderungsland zum Einwanderungsland. In der Schweiz, deren Wirtschaft gerade im frühen 20. Jahrhundert Arbeitskräfte zu Hauf aufnehmen konnte, schlägt sich die Situation in Italien wie folgt in der Ausländerstatistik[6] nieder:

Jahr Einwohner Ausländer Italiener Ausländer [%] Italiener [%]
Ausländer (Italiener) in Grenchen und in der Schweiz
Grenchen 1880 3'788 162 4.3 %
Schweiz 1880 2'846'000 211'000 41'500 7.3 % 1.5 %
Grenchen 1900 5'202 192 3.7 %
Schweiz 1900 3'316'000 211'000 41'500 11.6 % 3.5 %
Grenchen 1910 7'073 644 9.1 %
Schweiz 1910 3'753'000 552'000 203'000 14.7 % 5.4 %


Bis 1914 steigt der Ausländeranteil der Schweiz auf über 15 %. Eine Zahl, die erst Ende der Sechzigerjahre in der Aera Schwarzenbach wieder erreicht werden sollte. Der Frauenanteil verbesserte sich. Im Jahre 1900 war das Verhältnis Männer : Frauen noch 2:1, 1914 betrug es 3:2.

Einwanderungsbestimmungen[Bearbeiten]

Von der Arbeitersiedlung Tripoli weiss man, dass die italienischen Arbeiter ihre Familien mitbringen durften ohne Auflagen und Fristenbestimmungen, wie sie seit Jahren üblich sind. Wieso konnten sich diese Italienischen Arbeiter mit ihren Familien einfach so niederlassen in der Schweiz?

Die Grundlage der freiheitlichen Einreise- und Niederlassungsbestimmungen jener Jahre bildete der Niederlassungs- und Konsularvertrag[7] zwischen der Schweiz und Italien, abgeschlossen am 22. Juli 1868. Dieser Vertrag enthält Bestimmungen wie:

„Infolgedessen können die Bürger eines jeden der beiden Staaten sowie ihre Familien, wofern sie den Gesetzen des Landes nachkommen, in jedem Teile des Staatsgebietes frei eintreten, reisen, sich aufhalten und niederlassen, ohne dass sie wegen Pässen, Aufenthaltsbewilligungen und Ermächtigung zur Ausübung ihres Gewerbes irgendeiner Abgabe, Last oder Bedingung unterworfen wären, denen die Landesangehörigen selbst nicht unterworfen sind.“

Diese und ähnliche freiheitliche Bestimmungen enthielten die meisten Niederlassungsverträge der Schweiz mit ihren europäischen Nachbarn. Erst mit der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit einerseits und anderseits mit den vielen politisch Verfolgten, die während des Ersten Weltkrieges einwanderten, änderte sich das. Ab 1917 regelte der Bundesrat die Einreise und Kontrolle, den Aufenthalt und die Niederlassung von Ausländern: die Zentralstelle für Fremdenpolizei wurde eingerichtet.

Woher kamen die Bewohner des Tripoli?[Bearbeiten]

Die meisten Tunnelarbeiter des Grenchenberg-Tunnels kamen nach dem Bau des Lötschbergtunnels (1906-1913) von Kandersteg oder Goppenstein nach Grenchen. Viele unter ihnen arbeiteten schon als Tunnelbauer im Simplontunnel (1898-1905). Es kamen also lange nicht alle Tunnelarbeiter direkt aus Italien nach Grenchen. Sehr üblich war es, dass die Arbeiter nach der Fertigstellung eines Bauvorhabens weiter zogen auf die nächste Grossbaustelle. Das war beim Bau des Grenchenbergtunnels ausgeprägt der Fall. Nicht nur die Werkbahn, die Baumaschinen, die Bohrmaschinen und Werkzeuge „zügelte“ man vom Lötschberg nach Grenchen. Auch die meisten Ingenieure, Vorarbeiter und Bauarbeiter trifft man wieder am Grenchenberg. Selbst die Barackenbesitzer und Kantiniers aus Kandersteg und Goppenstein wechselten das Domizil. Manche brachten sogar ihre Baracken mit nach Grenchen. Die italienischen Tunnelarbeiter-Familien kannten sich teilweise seit Jahren. Man heiratete und gründete Familien in den Arbeitersiedlungen. Die Kinder besuchten die Italienerschulen. Heute berichten die Nachkommen, dass z.B. ihre Mütter oder Väter in Kandersteg und in Grenchen die Bonomelli-Schulen besuchten. Lange freundschaftliche Verbundenheit und neue verwandtschaftliche Beziehungen wuchsen in den Siedlungen.

Familien - Sie blieben in Grenchen[Bearbeiten]

Namen italienischer Familien und Personen, deren Vorfahren beim Bau der Münster-Lengnau-Bahn mitwirkten und sich nach dem Bahn- und Tunnelbau in Grenchen und Umgebung niederliessen.

Name Herkunft / Bemerkung
Armellino
Ballabio Norditalien
Balzan
Bertini
Bigolin
Cavatorta
Cecchini Toscana
Chiari
Crivelli
Culmone
De Pol Lentiai, Belluno
Ferrari
Gandolfo
Geretto
Grandicelli
Guderzo
Maccioni
Maspoli später Restaurant Tell, Grenchen
Orlando Novara di Sicilia
Passirani
Petiti
Raccuia
Righi Tessin
Schioccetto
Signoroni
Sinelli Abruzzen
Varile Sizilien
Zadra
Zambetti Bergamo
Zanon

Dank an Herrn Peter Humm, Grenchen, der in unzähligen Telefonaten etliche Familien ausfindig machen konnte, deren Vorfahren im Tripoli wohnten oder auf den Baustellen der MLB arbeiteten. Ferner geht ein grosses Dankeschön an Herrn Hermann Waelti, Grenchen, Frau Elvira Casule-Sinelli, Herrn Richard Tschaggelar, Grenchen, und Herrn Renato Sinelli, Unterehrendingen, die alle mithalfen, diese Liste zu erstellen.

Wer wohnte wo?[Bearbeiten]

Coiffeur Varile.

Mit Hilfe der Angaben von Hermann Waelti und der Familie Sinelli ist es gelungen, das Tripoli-Domizil einiger Familien ausfindig zu machen:

Tripoli Grenchen, ca. 1914.

Menschen und Familien im Tripoli[Bearbeiten]

Gewerbe im Tripoli[Bearbeiten]

Im Tripoli Grenchen erhielten 27 Kantinen (Restaurants, Musik- und Tanzlokale) zeitlich auf die Dauer des Tunnelbaus begrenzte Patente (Betriebsbewilligungen). 11 Läden boten den Siedlungsbewohnern ihre Waren feil. Darunter befanden sich Bäcker, Metzger Lebensmittelläden, Wein- und Gemischtwarenhandlungen. Auch der Coiffeur und der Schuster fehlten nicht. Im Jahre 1912 versuchte sogar ein Kino (Kinematograph) sein Glück im Tripoli. Alles war da, was zur lebendigen Dorf- oder Quartiersgemeinschaft nötig war.

Heute sind uns noch folgende Betriebe bekannt:

  • Restaurant Sonne (verschiedene Besitzer und Pächter in der Tripolizeit)
  • Restaurant Victoria (B. Emch, Besitzer. Pächter E. De Pol)
  • Café und Handlung Gandolfo (Familia Gandolfo)
  • Café Toscana gegenüber Restaurant Sonne
  • Café del'Union
  • Grande Cantine (Familia A. Malavasi)
  • Au pauvre diable (Laden und Kantine Francesco Lorenzelli)
  • Zadra (Laden)
  • Coiffeur Varile (neben Rest. Sonne)
  • Zanon (Weinhandlung)
  • Renato Sartori (Bäckerei)
  • Luigi Balzan (Wirt, Kantinier)
  • Kinematograph Tripoli (Wälti und Lüdy)

Auf Grund der Patent-Erteilung dürfte es möglich sein, mit Hilfe der Ratsprotokolle weitere Namen von Kantiniers im Tripoli ausfindig zu machen.

Das Gewerbe des Tripoli Grenchen schloss sich zusammen in der Unione Esercenti di Tripoli di Grenchen, übersetzt heisst das etwa Gewerbeverband Tripoli.

Die Grande Cantine im Tripoli[Bearbeiten]

Die Grande Cantine im Tripoli war eine Gaststätte mit einem grossen Mehrzwecksaal für Konzerte, Aufführungen aller Art, Tanzanlässe und Bankette. Wir wissen, dass verschiedene Konzerte der Grenchner Musikgesellschaft Helvetia und der Musikgesellschaft Lengnau in diesem Saal stattfanden. Auch zum Bankett der Gründungsversammlung der Krankenkasse für die Tunnelarbeiter (Mutuo Soccorso) lud man die Gäste in die Grande Cantine im Tripoli. Die Grande Cantine hatte für diesen Anlass über hundert Gedecke aufzutischen. Eine Bankettgrösse, die der Betrieb der Familie Malavasi offenbar problemlos bewältigen konnte. Der genaue Standort der Grande Cantine ist heute nicht mehr bekannt. Vermutlich beherbergte einer der grossen Barackenbauten diesen Saalbau.

Coiffeur Varile[Bearbeiten]

Coiffeur Varile stammte aus Sizilien. Im Tripoli galt er als Original. Varile verstand es nicht nur, seinen Kunden eine perfekte Rasur und einen gepflegten Haarschnitt zu applizieren, nein, im hinteren Gebäudeteil seiner kleinen Baracke neben dem Restaurant Sonne hielt er sich zudem Kleinvieh. Geflügel, Kaninchen und ein oder zwei Schweine gehörten dazu. Varile wohnte bis zu seinem Tode, Ende der Zwanziger Jahre, im Tripoli.

Der Laden der Familie Zadra[Bearbeiten]

Das Ladengeschäft (Lebensmittel, Gemischtwaren) der Familie Zadra gab es noch lange nach dem Tunnelbau. Selbst als schon viele Steinbauten die Alpenstrasse säumten, war der Laden von Zadra noch immer in Betrieb und bildete so etwas wie einen Quartierstreffpunkt.

Der Laden und das Café der Familie Gandolfo[Bearbeiten]

Von den Nachkommen einer Ladentochter der Handlung Gandolfo erfahren wir, wie das Geschäft grosse Guthaben abschreiben musste, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Im Sommer 1914, nach dem Kriegsausbruch, verliessen einige Hundert Tripolibewohner Hals über Kopf die Schweiz und reisten zurück nach Italien. In der Eile des Aufbruchs vergassen viele, ihre Ladenschulden zu begleichen.

Angst und Sorge um ihre Lieben zu Hause und um die italienische Heimat lösten einen gewaltigen Rückreisestrom aus. Der Rückreisestrom der Italiener betraf nicht nur die Schweiz. Die emigrierten Italiener aus ganz Europa waren auf dem Weg nach Hause. Oft auch aus Angst vor politischer Verfolgung in den Staaten der Mittelmächte. Ein Teil der abgereisten Italiener kehrte jedoch bald wieder in die Schweiz zurück. Italien trat erst im Mai 1915 in diesen furchtbaren Krieg ein.

Das Restaurant Victoria und der Tripolitaler[Bearbeiten]

Wertmarke 50 Rappen des Kantiniers E. De Pol, Rest. Victoria, Tripoli Grenchen. Messing, Durchmesser ca. 24 mm. Vermutlich gab es auch Marken mit anderen Wertbezeichnungen.

1912 baute B. Emch die beiden heute noch stehenden Häuser bei der Einmündung der Tripolistrasse (heute Alpenstrasse) in die Kastelsstrasse. Im westlichen der beiden Gebäude richtete der Besitzer das Restaurant Victoria ein, das bis zum Ende des Tunnelbaus eine Betriebsbewilligung erhielt. Der Pächter des Restaurants war E. De Pol. De Pol reiste 1911 aus dem Tessin an, wo er bislang bei Unterhaltsarbeiten der Gotthardstrecke als Mineur beschäftigt war. Er arbeitete in Grenchen als Mineur im Grenchenbergtunnel. Seine Frau, Domenica Canonica, führte das Restaurant Victoria. Viele Arbeiter waren im Restaurant Victoria tägliche Kostgänger.

Von De Pol sind Wertmarken in Form von Messingmünzen erhalten. De Pol verkaufte wohl diese Marken etwas unter dem aufgeprägten Wert an seine Gäste im Tripoli. So kam er als Kantinier rechtzeitig zu seinem Geld und die Gäste hatten günstige Jetons, mit denen sie die Konsumation bezahlen konnten. Ob diese Wertmarken auch in anderen Gaststätten oder Läden im Tripoli eingelöst werden konnten, bleibt eine offene Frage. Die erhaltenen Marken sind stark abgegriffen, was von regem Gebrauch zeugt.

Tripoli Wertmarke Vorderseite Tripoli Wertmarke Rückseite Wertmarke 50 Rappen des Kantiniers E. De Pol, Rest. Victoria, Tripoli Grenchen. Messing, Durchmesser ca. 24 mm. Vermutlich gab es auch Marken mit anderen Wertbezeichnungen. Slg. Marino De Pol, Bremgarten BE. Bilder A. Fasnacht

Das Restaurant Sonne, ein Zentrum im Tripoli[Bearbeiten]

Herr A. Schluep liess das stolze Wohnhaus mit Restaurant im Jahre 1913 errichten. Das Gebäude steht heute noch und wird seit 1926 von der Familie Waelti bewohnt. Die Sonne war ein Blickfang im Tripoli, überragte sie doch alle umliegenden Holzbauten. Ortsunkundige konnten sich im Tripoli am Gebäude der Sonne orientieren. Selbst heute noch sucht man auf alten Fotografien des Tripoli zuerst nach diesem Steinbau als Fixpunkt und Orientierungshilfe.

Während der Tripolizeit und einige Jahre danach erlebte die Sonne eine unruhige Zeit. Besitzer und Pächter reichten einander in kurzen Abständen die Tür. Ein Miteigentümer der Liegenschaft Sonne, Herr Adolf Feremutsch, richtete ein Gesuch an die Behörden, um das Wirtshaus auch nach der Tunnelbauzeit, also nach 1915, weiterführen zu dürfen. Hundert Unterschriften aus dem Quartier unterstützten das Gesuch für eine "Quartiersbeiz". Feremutsch berief sich zudem auf die Wichtigkeit der weitum einzigen öffentlichen Telefonstation in seinem Lokal. Die Behörden blieben hart und lehnten das Gesuch ab.

Zum Schluss kreiste der Pleitegeier über dem Haus, das schliesslich von einer Bürgengemeinschaft übernommen wurde, bis es 1926 in den Besitz der Familie Waelti überging.

Die Krise im Tripoli[Bearbeiten]

Beim Durchsehen der Jahrgänge 1911-1915 des Grenchner Volksblattes fällt auf, dass die noch im Jahrgang 1912 recht häufigen Inserate der Betriebe im Tripoli fast plötzlich verschwinden. Schon im Jahrgang 1913 findet man keine Tripoli-Inserate mehr. Nach 1912 fanden auch die Versammlungen und Feiern der Società di Mutuo Soccorso nicht mehr im Tripoli statt. Man verlegte diese Anlässe nach Grenchen ins Restaurant Rosengarten, ins Hotel Sternen und in die (alte) Turnhalle.

In der Tat machten sich schon 1912 erste Anzeichen einer Krise breit im Tripoli. Die erwarteten Umsätze wurden nicht erreicht und als das Tripoli allmählich den Reiz des Neuen verlor, gerieten viele der 27 Gaststätten in finanzielle Not. Eine dreiteilige Artikelserie im Grenchner Volksblatt[8] berichtete im Mai 1913 über die Krisensituation im Tripoli. Was war der Grund für die Misere? Es gab verschiedene mehr oder weniger wirksame Faktoren:

  • Viele Kantiniers waren selber nicht Barackenbesitzer und unterzeichneten Mietverträge (Unterpacht), die auf der Basis des tatsächlichen Marktumfangs im Tripoli nicht zu erfüllen waren.
  • Die sprichwörtliche Sparsamkeit der italienischen Bauarbeiter dürfte weniger ins Gewicht fallen. Kannten doch viele Kantiniers diese Eigenschaft von früheren Baustellen.
  • Barackenbesitzer und Kantiniers versuchten die Kosten auf die Logis-Mieter zu überwälzen mit dem Resultat, dass diese das Tripoli verliessen und in Grenchen Wohnunterkunft suchten. Der Markt im Tripoli verengte sich zusehends.
  • Die Behörden bewilligten zu viele Kantinenbetriebe. Im ein Jahr später entstandenen Tripolis Trimbach (Hauenstein Basistunnel) wo mehr als doppelt so viele Leute wohnten, gab es etwa gleich viele Kantinen wie im Tripoli Grenchen. Vielleicht änderte man auf Grund der Grenchner Erfahrungen die Bewilligungspraxis?
  • Offenbar informierte man die Kantiniers, dass für den Tunnelbau in Grenchen etwa 1'100 Arbeiter[9] erwartet würden. In Grenchen waren durchschnittlich nur 575 Arbeiter im Einsatz. Vermutlich überschätzten verschiedene Stellen die notwendige Anzahl Arbeiter für die Arbeiten in Grenchen. So war auch die Italienerschule Grenchen für gut 200 Schüler geplant. Es kamen schliesslich knapp 100 Schülerinnen und Schüler. An der Gemeindeversammlung vom 30. November 1911 wird die Zahl vom "2500 Seelen zählenden Italienerdorf" genannt. Auf welche Quellen sich die geschätzten Zahlen beriefen, ist bis heute nicht bekannt. Eine Tatsache könnte zu den Fehlschätzungen Anlass gegeben haben: Der Grenchenbergtunnel bzw. die Münster-Lengnau-Bahn sollte in Doppelspur ausgeführt werden. Dafür reichten die finanziellen Mittel nicht und man baute Tunnel und Strecke kurzum einspurig.

Fürsorge und Sozialhilfe[Bearbeiten]

Die auf kirchlicher Basis arbeitende Organisation Opera di Assistenza degli Operai Italiani Emigrati übernahm eine zentrale soziale Funktion zum Wohle der italienischen Arbeiter im Ausland. Gründer der Organisation war Geremia Bonomelli (1831-1914), Bischof von Cremona. In folgenden Bereichen stand das Bonomelli Hilfswerk den Emigranten mit Rat und Tat bei:

  • Arbeiterfürsorge und Familienbetreuung
  • Geistlicher Beistand
  • Arbeitersekretariat (Rechtsberatung, Briefe, Schriftl. Dokumente, Verkehr mit Behörden)
  • Italienerschulen im fremdsprachigen Ausland
  • Krankenpflege, Kinderbetreuung

Schwestern des S. Giuseppe di Cuneo[10] wirkten in Grenchen, unterrichteten in der Italienerschule und pflegten die Kranken im Spital.

Die Arbeiterhilfswerk Bonomelli war seit dem Bau des Simplontunnels aktiv auf den Grossbaustellen der Tunnelbauten. So betreute die Organisation von Anfang an auch die Arbeiter auf den Baustellen der Münster-Lengnau-Bahn.

Gewerkschaften und Politik[Bearbeiten]

In den Arbeitersiedlungen fanden viele Veranstaltungen zum Thema Politik und Gewerkschaft statt. Politische Vereinigungen, Parteien und Gewerkschaften aus der Schweiz und aus Italien hatten in den Siedlungen ihre Vertrauensleute und Sympathisantengruppen, die sich rege für ihre Organisationen einsetzten, für sie warben und agierten. Zahlreiche Tunnelarbeiter waren Gewerkschaftsmitglieder. Die italienische Maurergewerkschaft war recht aktiv im Tripoli und gewann dort viele Mitglieder.

Kirche und Glauben[Bearbeiten]

Die Italienischen Arbeiter und ihre Familien besuchten die röm.-kath. Kirche in Grenchen.

Geistliche und religiöse Betreuung erhielten die Tripolibewohner auch von der Organisation Bonomelli. Ein Zeitungsartikel berichtet gar von einer italienischen Kirche im Tripoli. Dabei handelte es sich um das Schulhäuschen und Sekretariat der Bonomelli-Organisation. In diesem Gebäude fanden auch Gottesdienste statt.

Kultur im Tripoli[Bearbeiten]

Boccia

Boccia, Musik und Gesang, das waren die allseits beliebten Beschäftigungen, die man in freien Stunden pflegte im Tripoli. Boccia, das Kugelspiel, brachten die Italiener aus ihrer Heimat mit in die Schweiz und nach Grenchen, wie eine Fotografie aus dem Tripoli bezeugt.

Viele Italiener spielten Musikinstrumente: Akkordeon, Gitarre, Mandoline und alle erdenklichen Blasinstrumente. In den Familien pflegte man den gemeinsamen Gesang, ein Familienmitglied begleitete mit der Gitarre oder mit dem Akkordeon.

Die Société Franco-Suisse gründete eine eigene Blasmusikkapelle, die bei verschiedenen Anlässen aufspielte. Eine Fotografie der Musikkapelle ist überliefert.

Die Begeisterung der damaligen italienischen Arbeiter für Blasmusik war ausgeprägt. Bekannt ist neben der Betriebskapelle der Société Franco-Suisse auch die Musica Italiana dei Minatori, Tripoli Grenchen. Gute Verbindungen unterhielt man zur Arbeitermusik Solothurn und zu Musica Italiana, Solothurn, denn einige Tripoli-Bewohner musizierten in diesen Corps. Im Tripoli formierte sich auch eine Chorvereinigung. Es gab eine Tripoli-Hymne, die an der St. Barbara-Feier, am 4. Dezebember 1913, von den Tunnelarbeitern gesungen wurde, begleitet von der Musica Italiana dei Minatori. Für die Mineure ist der Tag der Heiligen Barbara[11], der 4. Dezember, ein hoher Feiertag, der auch heute noch auf den grossen Tunnelbaustellen feierlich begangen wird.

Am 9. November 1913 führte die Società Operaia fra i Lavoratori della Galleria del Grenchenberg eine Verdi-Feier durch, wohl zum 100. Geburtstag des Meisters (mit einmonatiger Verspätung). Man wählte dafür den Saal des Hotels Sternen in Grenchen. Junge Talente italienischer Herkunft gaben Instrumentalmusik, Arien und Duette des italienischen Komponisten zum Besten. Vermutlich rekrutierten sich die jungen Musiker, Sängerinnen und Sänger aus dem Kreis der italienischen Emigranten der Region Grenchen. Namen wie Della Balda, Ivo Balotti, Signor Scorrano und Urso Rosario tauchen auf. Wohnte einer von ihnen vielleicht im Tripoli?

Ob Sportvereine aktiv waren im Tripoli ist nicht mehr bekannt. Der Grenchner Fussballclub Fulgor ist eine Gründung von ehemaligen Tunnelarbeitern, die den Verein in den Zwanziger Jahren ins Leben riefen. In der Vereinsgeschichte des FC Fulgor hält man fest, dass die Clubgründer früher Mitglieder des FC Grenchen waren und dort eine Untersektion bildeten. Der Fussballsport war also auch im Tripoli lebendig.


Betriebsmusik der SFSC

Sozial-Einrichtungen für die Arbeiter der SFSC[Bearbeiten]

Auf der Eingangstreppe des Hotels Löwen Grenchen: Fahnenweihe der Mutuo Soccorso, unten rechts Dr. med. Girard.
Fahnenweihe der Società di Mutuo Soccorso, August 1912. Postplatz Grenchen.
Trocknungsanlage für die Arbeitskleider der Tunnelarbeiter.

Die Baugesellschaften waren sehr daran interessiert, für ihre Arbeiter Gesundheits-Einrichtungen bereit zu stellen und diese so weit wie möglich zu kontrollieren. Das war bei der Société Franco-Suisse de Construction nicht anders. Die Gesellschaft war an der Organisation folgender Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter massgebend oder vollumfänglich beteiligt:

Krankenkasse Società di Mutuo Soccorso[Bearbeiten]

Società di Mutuo Soccorso fra gli Operai della galleria del Grenchenberg a Grenchen.

Monatlicher Beitrag Fr. 1.- von den Arbeitern zu bezahlen / Leistung 1.50 Taggeld nach 5 Tagen Karenz. Kosten für Arzt und Medikamente bezahlte die Kasse vollumfänglich. Familienväter kamen in den Genuss höherer Taggeldansätze. Die Generalversammlung der Mutuo Soccorso vom März 1914 beschloss, die Monatsbeiträge für die Arbeiter von Fr. 1.- auf Fr. -.50 zu reduzieren. Die finanzielle Lage der Krankenkasse erlaubte offenbar diese Beitragsreduktion.

Die Société Franco-Suisse de Construction war an der Società di Mutuo Soccorso beteiligt. Die Rechte und Pflichten der SFSC waren in den Statuten festgehalten.

Die Karenzfrist von 5 Tagen gab während des 2. Tunnelarbeiterstreiks Anlass zur Kritik, da die zuständigen Aerzte, so lautete der Vorwurf der Streikenden, die fünftägige Karenzfrist häufig missbrauchten, um die Kassenpatienten nach 5 Tagen gesund zu schreiben. Den Kranken blieb keine andere Wahl, als erneut den Arzt aufzusuchen, um wiederum 5 Tage auf das Taggeld zu warten. In dieser Zeit, oft zehn und mehr Tage, mussten die Patienten auf Lohnzahlungen und Taggeld verzichten.

Unmittelbar nach dem 2. Streik, im Oktober 1913, berief man eine ausserordentliche Generalversammlung der Mutuo Soccorso ein. Diese Generalversammlung setzte die Karenzfrist neu auf 3 Tage an. Interessant ist, dass man im Buch über die Mutuo Soccorso diese Neuerung als grossen Fortschritt darstellte und kein Wort über den Tunnelarbeiterstreik verlor.

Dennoch bedeutete die Mutuo Soccorso einen beachtlichen Fortschritt für die soziale Sicherheit der Bauarbeiter. Auf der Basis der Idee der Mutuo Soccorso gab es ähnliche Krankenkassen schon beim Bau des Simplontunnels (1899-1906), der Lötschbergstrecke (1906-1913) und in Moutier, auf der Baustelle Nord der Münster-Lengnau-Bahn.

PR an der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern[Bearbeiten]

Anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern liess die Société Franco-Suisse eine Monografie herstellen mit dem Titel:

Monografia della Società di Mutuo Soccorso fra gli operai della galleria del Grenchenberg a Grenchen : in occasione dell'Esposizione Nazionale Svizzera a Berna. - Grenchen : Società di Mutuo Soccorso fra gli operai della galleria del Grenchenberg, [1914?] (Grenchen : Buchdruckerei A. Niederhäuser). - 37, [14] S. ; ill.

Man zeigte an der Landesausstellung die laufenden Bahnbauprojekte. Mit der erwähnten Monografie erhielt der damalige Leser eine umfassende Information über die Philosophie des Mutuo Soccorso und über den Bau der Münster-Lengnau-Bahn. Die reich bebilderte Schrift dient auch heute noch als historisch wertvolle Bild- und Informationsquelle über den Bau der MLB. Das Buch konnte damals im Büro der Baugesellschaft für Fr. 8.- bezogen werden. Heute bezahlen Sammler mehrere Hundert Franken für ein Exemplar.

Mit dem Buch über die Mutuo Soccorso wollte man nicht zuletzt die vorbildliche soziale Einstellung der Baugesellschaft Société Franco-Suisse de Construction ins Licht der Oeffentlichkeit stellen. Ganz nach dem Motto "Tue Gutes und rede darüber".

Spital[Bearbeiten]

Die Baugesellschaft übernahm die vollen Kosten für die Behandlung und für sämtliche Medikamente. Auch die Angehörigen der Arbeiter konnten sich in täglichen Sprechstunden von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr im Tripoli-Spital kostenlos behandeln lassen. Allein eine Gebühr von Fr. -.50 pro Behandlung war zu entrichten.

Schwestern des S. Giuseppe di Cuneo wirkten in Grenchen, unterrichteten in der Italienerschule und pflegten die Kranken im Spital.

Unfallversicherung[Bearbeiten]

2 % Lohnabzug = ¼ Anteil, ¾ bezahlt vom Unternehmen. Die Unfallversicherung war wohl neben der Mutuo Soccorso die wichtigste soziale Sicherstellung für die in einem Hochrisiko-Beruf arbeitenden Tunnelbauer und Bahnbauarbeiter. Bei Arbeitsunfällen, Invalidität oder Tod half diese Versicherung über die schlimmsten Probleme hinweg. Die Unfallversicherung übernahm die Kosten für Spital, Arzt und Medikamente.

Auf den Baustellen der Lötschbergbahn waren die Arbeiter sehr ähnlich versichert. Bei tödlichen Unfällen zahlte man an die Angehörigen den Betrag von Fr. 6000.- aus.

Bäder[Bearbeiten]

35 Duschen, 4 Wannenbäder auf dem Installationsplatz. Die hervorragende Bedeutung dieser Einrichtung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeiter erkannte schon der Simplonarzt und Menschenfreund Dr. med. Daniel Pometta anlässlich des Simplontunnelbaus (1899-1906). Die Badeeinrichtungen standen auch den Angehörigen der Arbeiter zur Verfügung.

Arbeitskleider[Bearbeiten]

Die Gesellschaft stellte spezielle Arbeitskleider zur Verfügung. Lange nicht alle Arbeiter machten von diesem Angebot Gebrauch, wie die vielen Fotografien zum Tunnelbau zeigen.

Wäscherei[Bearbeiten]

Wäscherei für die Arbeitskleider, man besorgte auch die Privatwäsche der Arbeiter gegen bescheidene Bezahlung.


Betriebswäscherei der Société Franco-Suisse mit Wäscherin.

Die beiden Streiks der Tunnelarbeiter[Bearbeiten]

Streiks der Tunnelarbeiter in Grenchen[Bearbeiten]

Nach den mächtigen Wassereinbrüchen im Grenchenbergtunnel waren die Tunnelarbeiter zum Teil gezwungen, bis zu den Hüften im Wasser stehend zu arbeiten. Ferner gab es unter den Arbeitern Kritiker des Prämien- und Akkordsystems, das beim Tunnelbau in Grenchen zur Anwendung gelangte. Viele Arbeiter litten unter den erdrückenden Wohnungsmieten im Tripoli. Wen wundert es da, dass sich unter den Tunnelarbeitern Unzufriedenheit breit machte. Es brauchte nur noch einen äusseren Anlass, um den Funken aufs Pulverfass fallen zu lassen.

Erster Tunnelarbeitertreik 27. Juli 1913 – 5. August 1913[Bearbeiten]

Der erste Streik brach am 27. Juli 1913 aus, als die Polizei einen italienischen Arbeiterführer verhaftete, der in Grenchen einen Vortrag halten wollte. Die Arbeiter warfen der Baugesellschaft vor, sie hätte diese Verhaftung veranlasst. Die Hauptforderungen der Arbeiter waren Lohnerhöhungen sowie die Abschaffung des Prämien- und Akkordsystems. Am 30. Juli 1913 entliess die Gesellschaft alle Arbeiter. Durch Vermittlung des Regierungsrats konnte der Streik beigelegt werden. Die tägliche Arbeitszeit wurde festgesetzt auf 10 Stunden für Arbeiten ausserhalb des Tunnels, auf 8 Stunden für Arbeiten im Tunnel im Trockenen und auf 6 Stunden, wenn im Wasser gearbeitet werden musste. Die Gesellschaft gewährte zudem 5 % Lohnerhöhung und stellte 650 Arbeiter wieder ein, die am 6. August 1913 die Arbeit aufnahmen. Etwa 100 Arbeiter stellte die Baugesellschaft nicht mehr ein. Sie mussten abreisen. Einigen von ihnen warf man strafrechtlich relevante Vergehen vor. Lohnstreitigkeiten waren künftig dem ordentlichen gewerblichen Schiedsgericht von Grenchen zu unterbreiten. Dieses war aus zwei Arbeitern des Tunnelbaus und zwei Vertrauensmännern der Tunnelbaugesellschaft zusammengesetzt. Vorsitzender des Schiedsgericht war der Amtsgerichtsprädident von Solothurn-Lebern.

Das Grenchner Tagblatt vom 5. August 1913 und 7. August 1913[12] berichtet über den ersten Tunnelarbeiterstreik

Zweiter Tunnelarbeiterstreik 25. August 1913 – 24. September 1913[Bearbeiten]

Der zweite und längere Streik begann am 25. August 1913, weil die Baugesellschaft am 22. August 1913 acht organisierte Werkstattarbeiter entlassen hatte unter dem Vorwand von Arbeitsmangel. Diesmal streikten auch die Tunnelarbeiter in Moutier. Insgesamt streikten etwa 1700 Arbeiter. Die Forderungen der Streikenden waren: sofortige Wiedereinstellung der 8 Entlassenen, 20 % (in Münster 25 %) Lohnerhöhung und die Abschaffung des verhassten Prämien- und Akkordsystems. Die Unternehmung sperrte auch bei diesem Streik alle Arbeiter aus. Am 3. September 1913 kam es in Grenchen zu einer grossen Solidaritätskundgebung der Grenchner Arbeiterschaft mit den italienischen Tunnelarbeitern. Ein Demonstrationszug marschierte ins Tripoli. Auf dem Platz unterhalb des Tripoli-Schulhauses, das auch als Kirche diente, wandten sich die Arbeiterführer mit aufmunternden Reden an die rund 2000 Anwesenden (Streikende und Demonstranten). Arthur Stämpfli, Arbeiter- und SMUV-Sekretär, von 1919-1933 Stadtammann von Grenchen und August Huggler, Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, während des Generalstreiks Mitglied des Oltener Aktionskomitees, ergriffen das Wort. Weitere Redner waren Sig. Vielle, Streikführer, und Sekretär Faggi von der italienischen Maurer- und Handlanger-Gewerkschaft der Schweiz. Die Demonstrationsversammlung im Tripoli verabschiedete eine Resolution mit folgendem Wortlaut:

Resolution:

Die am 3. September 1913 in Tripolis Grenchen vereinigte Arbeiter-Versammlung, nach Kenntnisnahme der Ereignisse die zum zweiten Mal einen Streik der Tunnelarbeiter herbeiführten, erklärt ihre wärmste Sympathie und Solidarität mit den streikenden Arbeitern. Die Versammlung protestierte energisch gegen das taktlose Vorgehen der Unternehmer, die wider Treu und Glauben, entgegen den am 5. August getroffenen Abmachungen, Arbeiter entlassen haben. Gegenüber den Behörden und Kantonsregierung spricht die Versammlung die Erwartung aus, dass sie sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Unternehmung zur Respektierung ihrer Abmachungen zu zwingen. Die Regierung hat nicht nur die Pflicht, während eines Streiks für öffentliche Ruhe und Sicherheit zu sorgen, sondern auch die Pflicht, die Unternehmer zu veranlassen, ihre Arbeiter nicht zu Konflikten zu provozieren. Gegenüber den streikenden Arbeitern spricht die Versammlung die Erwartung aus, dass sie, wie bisher, ruhig und besonnen, ihren Kampf weiterführen. Unter dieser Voraussetzung wird den streikenden Arbeitern und ihren Familien nicht nur die moralische und materielle Unterstützung der gesamten Arbeiterschaft von Grenchen und Umgebung zugesichert, auf diese Weise wird schliesslich auch der Kampf der Tunnelarbeiter zu gutem Erfolge führen!!
Hoch die internationale Solidarität!
Hoch die internationale Arbeiterbewegung!!

Diese Solidarität stiess den Uhrenfabrikanten in Grenchen sauer auf. Die Grenchner Arbeiterschaft sollte für ihre Solidarität mit den ausländischen Arbeitern büssen. Mit dem erklärten Ziel, den Arbeiterorganisationen in Grenchen endgültig ein Ende zu bereiten, sperrten die Uhrenfabrikanten am 7. Februar 1914 2000 organisierte Arbeiter aus. Drei Monate dauerte die Aussperrung von 1914.


Neue Freie Zeitung vom 22. September 1913

Die Société Franco-Suisse de Construction zeigte sich unnachgiebig. Es kam zu weiteren, allerdings viel kleineren Demonstrationen der Streikenden in Grenchen. Der Regierungsrat befürchtete die Ausweitung des Streiks zu einem Generalstreik und stellte die Füsilierkompanie I/50 auf Pikett. Am 20. September 1913 wurde die Kompanie aufgeboten (214 Mann) und am 22. September 1913 nach Grenchen kommandiert.

Hauptverlesen der Ordnungstruppen (vermutlich Füsilierkompanie I/50) auf dem Schulhausplatz Schulhaus III, im Hintergrund die Häuser von Dr. Hermann Hugi und Frl. Gubler.

Vor Zuschauerreihen der Grenchner Bevölkerung marschierte die Kompanie mit scharf geladenen Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten vom Bahnhof Süd zur Alten Turnhalle, wo Regierungsrat Hermann Obrecht die Truppe vereidigte und eine markige Ansprache hielt. Bis auf ein paar Geplänkel blieben Gewalttätigkeiten aus und am 25. September 1913 arbeitete man wieder. Die Arbeiter blieben diesmal mit ihren Forderungen weitgehend auf der Strecke. Die nach dem ersten Streik in Grenchen getroffenen Vereinbarungen (Arbeitszeit, Schiedsgericht, 5 % Lohnerhöhung) galten nun auch für Tunnelarbeiter in Moutier. In Moutier stellte die Unternehmung 10 und in Grenchen 24 Arbeiter nicht mehr ein. Man warf ihnen Tätlichkeiten während des Streiks vor. Die aufgebotene Kompanie konnte am 26. September 1913 wieder entlassen werden.

Spital Tripoli[Bearbeiten]

Die Geschichte des Spitals im Tripoli ist unter der Geschichte des Spitals Grenchens beschrieben.

Krankheiten und sanitäre Lage im Tripoli[Bearbeiten]

In der Monografia della Società di Mutuo Soccorso berichtete Dr. med. E. Levy, praktizierender Arzt in Grenchen und zuständiger Arzt der Società die Mutuo Soccorso, über Krankheiten und die sanitäre Situation im Tripoli[13]

Dr. med. E. Levy

Levy berichtet über die ersten Monate des Tunnelbaus in Grenchen, als das Spital der Baugesellschaft noch nicht bereit stand. Das Tripolispital nahm am 7. Oktober 1912 den Betrieb auf, die Krankenkasse Società di Mutuo Soccorso funktionierte seit anfangs 1912.

Im Jahre 1912 versorgte die Krankenkasse mit ihren Leistungen 295 Kranke. Schon in den 3 Monaten nach der Eröffnung des Spitals, vom 7. Oktober 1912 - Ende Dezember 1912, pflegte man 9 Kranke an insgesamt 119 Pflegetagen. Vor der Eröffnung des Tripoli-Spitals, also während der Monate Januar - September 1912, verteilte man 18 Kranke auf die Spitäler in Solothurn und Bern. Im Jahre 1913 beanspruchten 99 Kranke an insgesamt 794 Pflegetagen das Tripolispital (Unfall-Patienten ausgeschlossen).


Krankenzimmer im Tripoli-Spital Grenchen, ca. 1913. Krankenpfleger und Patienten.

Von Februar bis Juni 1913 fanden im Grenchenbergtunnel die grossen Wassereinbrüche statt. Die Arbeit im Tunnel ging meistens weiter. Zum Teil standen die Arbeiter bis zu den Hüften im Wasser. Dr. Levy stellt in diesen Monaten eine merkliche Zunahme der Kranken fest.

Dank den vorbeugenden Massnahmen der Grenchner Behörden kam es zu keinen eigentlichen Seuchen im Tripoli. Dennoch verbreiteten sich die üblichen Infektionskrankheiten wie Scharlach, Röteln und Wasserpocken. Häufig waren Infektionskrankheiten der Atemwege und Rheumatismus.

Leider war auch unter den italienischen Arbeitern und in ihren Familien die damals unheilbare Lungen-Tuberkulose verbreitet. Dr. Levy führte die Krankheit stark auf soziale Ursachen zurück. So bildeten feuchtkalte, schlecht gelüftete und dunkle Wohnunterkünfte, mangelnde Ruhe und Erholung, ungenügende Ernährung und der weit verbreitete Alkoholismus den Nährboden für diese schlimme Krankheit.

Offenbar betrachteten die Tripolibewohner das Fensteröffnen als gesundheitsschädlich. Das tägliche Lüften der Schlafstätten und Wohnungen unterliessen die Leute meistens. Levy traf diesbezüglich im Tripoli auf schlimme Zustände.

Dr. Levy beurteilt einseitige Ernährung, ungenügende Unterkünfte, Alkholismus und vernachlässigte Hygiene als grössere Gesundheitsrisiken als die tägliche Arbeit im Tunnel. So beklagt sich Levy, dass viele Arbeiter die Badeanlagen der Baugesellschaft nicht nutzten und ihre Körperhygiene bedenklich vernachlässigten. Eine Erklärung dafür war wohl die einfache, ärmliche Herkunft der italienischen Arbeiter, die ohne entsprechende Aufklärung den Sinn der Hygiene-Einrichtungen gar nicht erkennen konnten.

Die in jenen Jahren weit verbreitete Unsitte, überall auf den Boden zu spucken, war für die Aerzte ein Übel, gegen das sie immer wieder zu kämpfen hatten. Die Tunnelarbeiter spuckten sogar in ihren selten gelüfteten Logis-Zimmern ungehemmt auf die Böden, wie uns Dr. Levy übermittelt. Damit nahm das Ansteckungsrisiko für verschiedene Infektionskrankheiten massiv zu. Diese abstossende Gewohnheit war nur schwer auszurotten und es dauerte Jahre, bis sie endlich etwas eingedämmt werden konnte. Auch in Grenchen erinnert man sich an Spuck-Verbotstafeln, die auf öffentlichen Plätzen und in Gebäuden gegen diese Unsitte ankämpften.

Levy beruft sich mehrmals auf die Dissertation von Dr. Daniel Pometta und stellt u.a. auch in Grenchen die frühzeitige Alterung der Tunnelarbeiter fest. Diese Erscheinung lässt sich vermutlich mit den Arbeitsbedingungen im Tunnel und der täglich zu leistenden Schwerarbeit in dieser ungesunden Umgebung erklären. Eine Rolle spielten sicher auch die erwähnten Mängel der Ernährung und Hygiene.

Die Tatsache, dass viele junge Italienerinnen ihre Babies nicht stillen wollten, beunruhigte Dr. Levy. Er befürchtete, die mit künstlichen Ersatzmitteln ernährten Kinder würden sich zu schwächlichen Menschen entwickeln anfällig auf Rachitis und Tuberkulose.

Die Krankenstatistik der Società di Mutuo Soccorso für die Jahre 1912 und 1913 präsentiert sich wie folgt:

Jahr geleistete Arbeitstage Krankheitstage Krankheitstage [%]
1912 210'985 1'711 0.81 %
1913 250'242 2'450 0.97 %

Noch beim Bau des Simplontunnels errechnete Dr. Daniel Pometta einen durchschnittlichen Anteil der Krankheitstage von 1,53 % während der neunjährigen Bauzeit des Tunnels.

Die Arbeitsunfälle waren nicht bei der Mutuo Soccorso versichert. Dafür richtete die Société Franco-Suisse de Construction eine Unfallversicherung ein. Der Hauptzweck des Tripolispitals war die fachgerechte medizinische Versorgung der verunfallten Arbeiter.

Unfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit von sechs und mehr Tagen kamen in den Baujahren der MLB (1911-1915) zur Anzeige:

Nordseite Moutier 556
Südseite Grenchen 552
Total Unfälle 1'108

Bericht der Schwestern aus dem Tripoli[Bearbeiten]

Vorbemerkung[Bearbeiten]

Die St. Josefs-Schwestern (Suore di San Giuseppe) aus Cuneo waren zur Zeit der Tunnelbauten in der Schweiz an verschiedenen Orten tätig, so in Goppenstein, Naters, Kandersteg, Grenchen, Basel, Kaltbrunn (Rickentunnel) und im Kanton Graubünden (Bau der Rhätischen Bahn).

Die Grenchen betreffenden Auszüge aus der Berichterstattung 1912/13 der Schwestern an ihr Mutterhaus in Cuneo sind sozialgeschichtlich nicht uninteressant und bedeutend genug, dass sie hier veröffentlicht werden. Die Berichte dokumentieren Standpunkt und Weltanschauung der Schwestern auf eindrückliche Weise. Rückblickend ist es geradezu spannend, einen Blick auf die abgekapselte Welt und die schwarzweiss kontrastierenden Wertvorstellungen der Suore di San Giuseppe zu werfen. Das Sensorium und Mitgefühl der Schwestern für die Arbeiterfamilien und die hart arbeitenden Italiener war nicht eben gross entwickelt, wie aus dem Bericht hervorgeht. Eine Tatsache, die gewiss auf Gegenseitigkeit beruhte, denn die meisten Arbeiter waren nicht besonders religiös und das sozialistische Gedankengut war weit verbreitet.

Diese Bemerkungen sollen keineswegs die humanitär grossartige Arbeit der Schwestern herunterspielen. Was die Ordensschwestern im Tripoli und in Grenchen leisteten, ist auch heute noch bewundernswert, vorbildlich und verdient unsere uneingeschränkte Hochachtung.

Das fromme Leben der Schwestern war in der Tat nicht einfach. Ulrich Junger, Kandersteg[14], zitiert in seiner Schrift "Kandersteg während der Tunnelbauzeit 1906-1913" aus dem erwähnten Bericht der Schwestern einige Ausschnitte:

In Bezug auf die Dorfeinwohner waren die Nonnen angenehm überrascht durch deren Freundlichkeit und Arbeitseifer. Männer seien zwar raschen Schrittes auf der Strasse unterwegs zur Arbeit, aber nicht ohne "Guten Morgen", "Guten Tag" oder "Guten Abend" zu sagen.

Natürlich machte den Nonnen der unter der italienischen Arbeiterschaft verbreitete antikirchlich eingestellte Sozialismus zu schaffen. Das wird auch mit der Überschrift Religionskrieg hervorgehoben. Da kam die von kirchlichem Gedankengut weit entfernte Haltung der Arbeiterschaft in der Beschreibung der Gedenkfeier für die beim Tunneleinsturz unter dem Gasterntal umgekommenen Mineure deutlich zum Ausdruck. Mit Befremden wohnten die Schwestern diesem Anlass distanziert bei und bedauerten, dass da keine Messe gelesen wurde. Indessen räumten sie ein, dass die Art und Weise wie der Opfer gedacht wurde Würde innewohnte, obgleich kein Priester zu Worte kam.

Zu dieser Sorge um die religiöse Haltung mancher ihrer Landsleute in Kandersteg kam natürlich auch noch "die Abwehr von Protestantischen Einflüssen". Eine Schwester schreibt: "Sie kommen mit einem Pfarrer, mit Gehilfen, Diakonissen etc. um Proselyten zu machen. Die Träger dieser Propaganda haben ein Gebäude errichtet, welches ein Restaurant enthält. - Kaffee, Schokolade - sowie eine Schule und eine Kapelle. Da würden Arbeiter umworben "um sonntags die Predigt des Pfarrers anzuhören, sie werden zum Mittagessen eingeladen und es werden Bücher verteilt. Um Anhänger zu gewinnen gehen sie von Haus zu Haus." So wird eine der in Kandersteg tätigen Diakonissen als "Die Wölfin" bezeichnet.

Schwester S. Cuore Liboà verfasste den Bericht vermutlich auf Grund von Tagebuchnotizen als ein mehrere Jahre umfassendes Dokument über den Einsatz der Schwestern in der Schweiz.

Dank an Herrn Pfarrer Ulrich Junger, Kandersteg, für die Vermittlung des Tagebuch-Berichts der Nonnen. Ein grosses Dankeschön geht an Frau Liliane Consigliere, Kehrsatz. Sie besorgte die Uebersetzung aus dem Italienischen.

(Bemerkungen im Text kursiv in eckigen Klammern [ ] von Alfred Fasnacht).

Auszug aus der Berichterstattung/Tagebuch der St. Josefs-Schwestern aus Cuneo im Tripoli Grenchen 1912-13[Bearbeiten]

Verfasst durch Schwester S. Cuore Liboà[15] (gestorben 1961)

Auf nach Grenchen[Bearbeiten]

Im Jahre 1912 zog ein Teil der italienischen Arbeiter nach Grenchen [von Kandersteg und Goppenstein] und eine kleine Gruppe Giuseppine Nonnen folgte ihnen.

Grenchen liegt in typischer Juralandschaft auf leicht hügeligem und fruchtbarem Land, das zur bewaldeten Jurakette ansteigt. Grenchen liegt an der Bahnlinie von Bern nach Olten, zwischen Biel und Solothurn, der Kantonshauptstadt an der Aare.

Grenchen ist eine schöne Stadt mit ca. 10000 Einwohnern, industrialisiert, hauptsächlich Uhrenfabriken. Gemischte Religion: Katholiken, Alt-Katholiken, Protestanten und Juden wohnen in Harmonie zusammen. In Grenchen dient die katholische Pfarrkirche Katholiken und Protestanten für Gottesdienste.

Für die Italiener, die als Tunnel- und Bahnbauarbeiter nach Grenchen kamen, hatte man eine Barackensiedlung im Norden der Stadt gebaut. Dieses Barackendorf nennt sich Tripoli, da sein Entstehen zeitlich mit der Eroberung Tripolitaniens durch die Italiener zusammenfiel [Italienisch-türkischer Krieg, 1912].

Mission und Italienerschule Grenchen: Gründung[Bearbeiten]

Regierungsrat Dr. Hans Kaufmann, Schuldirektor des Kantons Solothurn, guter Katholik, musste abklären, ob eine italienische Schule in der Stadt Grenchen für die Ausländerfamilien eingerichtet werden könnte. Diese Italiener wurden von der Impresa delle Galerie Grenchen-Moutier für den Tunnelbau angestellt und Kaufmann wollte mit dem Einverständnis der Hilfsorganisation (Opera di Assistenza) sicherstellen, dass für den Unterricht Nonnen angestellt würden. Dies konnte trotz der Opposition der Sozialisten durchgesetzt werden.

Der Missionar, Ulrico Fulchiero, der schon in Kandersteg dieses Amt ausübte, verhandelte mit dem Unternehmen (Impresa delle Galerie Grenchen-Moutier) für die Inbetriebnahme des Spitals und mit der Regierung des Kantons Solothurn für die Eröffnung der Schulen. Er bereitete die Mission in Grenchen vor und wollte seine Unterkunft, das Sekretariat sowie den Kindergarten in der Mission unterbringen. Der Kindergarten wurde jeden Samstagabend in eine Kapelle umgewandelt.

Die Baracke der Mission Goppenstein kam nach Grenchen, wurde auf einen schönen großen Platz im Nordosten des Tripoli transportiert und aufgebaut [Tripoli-Schulhaus]. Das Krankenhaus stand im Nordwesten des Tripoli. Als ein Flügel des Krankenhauses fertig wurde, konnten die Nonnen endlich auch im Kindergarten und in der Schule arbeiten.

Die kleine Wohnung im Spital bestand wie in Kandersteg aus 4 kleinen Räumen. Dort bewahrten die Nonnen ihren Schatz auf. Es waren sakrale Objekte. Wenn die Kapelle auch sehr klein war, konnte man eine Tür zu einem Vorhof öffnen und so das Lokal vergrössern. Alle bereitwilligen Patienten konnten an der Messe teilnehmen.

Italienerschule Grenchen: Schulalltag[Bearbeiten]

Im Frühjahr des Jahres 1912 eröffnete man in Grenchen die italienische Schule und zwar im gleichen Schulhaus [Schulhaus I] und mit den gleichen Voraussetzungen wie die Schweizerschule. Die Stadt konnte Nonnen, die als Lehrerinnen befähigt waren, durch die Opera Bonomelli anstellen. In einem Punkt musste die Opera Bonomelli nachgeben: der Bürgermeister wollte, dass die italienischen Lehrschwestern in Obhut einer Schweizer Lehrerin, die der italienischen Sprache mächtig war, arbeiteten.

Folglich wurde Fräulein Marta Keller, 26 Jahre alt, Protestantin, Tochter des Direktors der Volksschulen Solothurn, gewählt. Sie hatte 2 Jahre in Livorno verbracht.

Während der Prüfungen in Grenchen [Eignungstests?] war der Direktor der Impresa delle Galleria, der Schulinspektor und der didaktische Direktor [?] anwesend. Sie bewunderten die Kursteilnehmer der zweiten Klasse, die ohne zögern und sehr schnell die arithmetischen Aufgaben lösen konnten.

In der 3. und 4. Klasse waren weniger Schüler, aber die Lehrerinnen hatten trotzdem genug zu tun. Der Intelligenzquotient war sehr unterschiedlich. Einige waren sehr Intelligent und die anderen mittelmäßig. Sie hatten Mühe und es fehlte der notwendige Willen, um die Schwierigkeiten der Programme zu meistem. Immerhin wurden den Mädchen Ordnung und Gottesfurcht (Frömmigkeit) und den Buben Aufrichtigkeit und Treue beigebracht.

Der Reverendo D. Fulchiero verstand, dass die Nonnen den religiösen Unterricht nur beschränkt ausführen konnten. Sie ergänzten dies nach der Messe am Sonntag. Jeden Samstagabend wurde der Kindergarten in eine Kapelle umgewandelt. Am Sonntag zelebriert man zwei Messen: eine im Krankenhaus und eine zweite in der Mission [Tripoli-Schulhaus]. Der Missionar hielt eine Predigt. Am Sonntagnachmittag war Ruhe angesagt, später Gesangschule und am Abend Versammlung.

Die Schwestern der Schule und des Kindergartens halfen mit, mussten aber jeweils nach einigen Stunden weggehen. Der Missionar konnte sich von den Kindern bis spät in der Nacht nicht trennen. Er wollte sie zu Gott führen.

Manchmal musste man ihn als zu gut und zu nachsichtig bezeichnen, was den Lehrerinnen die Aufgabe erschwerte. lhre Aufgabe bestand daraus, den Kindern etwas zu beizubringen.

Es geschah mehrmals, dass Schwester Palmira, wenn sie am Montag ansehen musste, wie der Kindergarten hergerichtet war, mut- und kraftlos wurde. Für sie war der Kindergarten ein Ort, wo Sauberkeit und Ordnung herrschen sollten.

Man musste anerkennen wie gut und fromm der Missionar war und man konnte sagen, dass er das Ebenbild von Don Bosco[16] war.

Schön und erbaulich war es für die Nonnen, dass der Missionar die Arbeit, und die Nachtwache auf sich nahm, nur um die Kinder in die Mission zu locken, sie fröhlich und zufrieden zu sehen. Er gründete eine kleine Musikgruppe und freute sich auf den Tag des ersten Auftritts. Er machte das, um den Kranken eine Freude zu bereiten. Er verlangte auch, dass seine kleinen Musiker eine weisse Fahne aus Seide mit sich tragen durften. Auf die eine Seite der Fahne sollte ein italienischer Stern und eine Lyra mit Lorbeerblättern und auf die andere Margeriten als Zeichen des Frühlings gemalt werden.

Bei der Bemalung der Fahne gaben sich die Schwestern alle erdenkliche Mühe. Alle bewunderten die Arbeit. Es war rührend zuzusehen, wie der Missionar mit den Kindern musizierte. Er war immer bereit alles zu geben und nichts für sich zu behalten.

Alle brachten ihm grosse Sympathie entgegen. Es gelang ihm sogar, eine Jugendgruppe zu gründen, obwohl die Jugendlichen tagsüber arbeiteten. Die Jugendlichen liebten diese Zusammenkünfte und Aktivitäten. Doch der Missionar wurde für eine andere Aufgabe nach Uster entsandt. Alle waren sehr traurig.

Italienerschule Grenchen: Enttäuschungen und Undank[Bearbeiten]

Schulhaus und Arbeitersekretariat Opera Bonomelli im Tripoli.

Einige Schüler waren ungehorsam und hatten schlechte Einstellungen. Dies liess voraussehen, was später aus ihnen würde.

[Kandersteg] Eines Tages, während meiner Lektion, sprach ich mit Enthusiasmus über unsere Heimat. Ich wollte meine Liebe und Nostalgie für mein Land kundgeben. Am Ende des Vortrages verlangte ich ein kurzes schriftliches Resümee, das mir zeigen sollte, wie die Schüler der 4. und 5. Klasse meine Lektion verstanden hatten.

Die Köpfe auf den Heften, fleissig schreibend, schilderten die Schüler ihre Gedanken. Nicht alle, einer von ihnen, ein gewisser RP. immer träge und unruhig, schrieb nicht, er war in Gedanken versunken. Der schräge Blick und die dünnen Lippen zeigten, dass er schlechte Gedanken hatte. Plötzlich sagte er mit Wut an seinen Kameraden gewandt, "wenn ich einen Revolver hätte, würde ich peng peng in den Rücken des Königs schiessen“. Es ist kaum zu beschreiben, welche Wirkung dieser Ausruf auf die Schüler hatte. So kam man zur Einsicht, dass gewisse Schüler schon kleine Gauner waren.

[Grenchen] Nach ein paar Jahren zettelte dieser Junge in Grenchen einen unwürdigen Streik an und wurde von seinem Arbeitgeber fristlos entlassen. Er war nicht der einzige, man denke an einen gewissen P.A. und F.F. sowie G.G., diese Ganoven liessen einen gewissen Schatten über die Schule gleiten.

Man kann sich vorstellen, welche Kraft die Schwester Salesia für den Umgang mit ungefähr 60 Schülern, aufgeteilt in zwei Klassen, brauchte. Ihre gute Vorbereitung, ihre volle Hingabe halfen ihr, die Aufgabe zu meistern.

Während des Unterrichts kam es vor, dass der Schüler P. A. sich unter die Schulbank zusammenkauerte und wie ein Schwein grunzte. Wenn die Lehrerin alle Mittel der Überzeugung ausgeschöpft hatte, wurde er hinaus geschickt. Er kletterte an der Eisenstange des Fensters hoch und grunzte fortwährend. Die Nonne hätte den Bedell [Schuldiener, Abwart] rufen können, dieser besass ein Riemchen aus rotem Gummi und er hätte es bestimmt angewendet. Aber die Nonnen wollten dies schliesslich doch nicht.

Während mehreren Tagen hatten die Nonnen die Abwesenheit von zwei Schülern wahrgenommen aber nicht gemeldet. Sie machten auch keine Recherchen, da sie verständlicherweise ganz froh waren, diese Jungen ein paar Tage nicht in der Klasse zu haben. Eines schönen Morgens um ca. 9.30 Uhr kam Polizeichef Gribi mit den zwei Spitzbuben in die Schule, beide an den Haaren herbeigezogen.

Der Anblick liess die Nonnen erschaudern. Die zwei heulten, Schleim kam aus ihrem Mund und die Augen waren weit aufgerissen. Wenn man denkt, mit welcher Vorsicht die Nonnen und der Missionar immer vorgegangen waren, kann man verstehen, dass die Schwester einen Moment absitzen und den Kopf stützen musste, bevor sie weiter hören konnte, was vorgefallen war. Der Polizeichef stellte die beiden Schüler, die während zwei Tagen die Schule geschwänzt hatten vor die ganze Klasse und erzählte, was vorgefallen war. Während drei Tagen hatten sie vagabundiert, die Nacht in einem Sack unter den Baracken verbracht. Am Morgen gingen sie auf den Marktplatz um zu stehlen und wurden in flagranti erwischt. Der Polizeichef Gribi verabreichte ihnen noch zwei Ohrfeigen und schickte sie an ihren Platz.

Die Lehre aus der Geschichte zog der Schüler F. aber leider nicht der Schüler P.A., der unfähig war, sich zu bessern. Wenn man ihn ansah, musste man sich fragen, ob das nicht ein verlorener Sohn war. Er war der jüngere Bruder von dem, der in Kandersteg den Revolver gegen den König richten wollte. Die Eltern waren sicher nicht böse aber schlicht nicht in der Lage, diese Kinder zu erziehen. Der dritte Bruder machte den Schwestern ebenfalls viele Probleme in der Schule und auch ausserhalb.

Ein anderer Schüler G.G. Sohn eines ehemaligen italienischen Polizisten, der in der Wahl der Vornamen seiner Familie eine gewisse Extravaganz walten liess, nannte die erste Tochter Felicita, lride die zweite, Giocondo der dritte und Giuliva die vierte. Er starb früh, lebte aber lange genug, um zu sehen, dass die Vomamen nicht genügten um Ruhe und Zufriedenheit ins Haus zu bringen. Der Bub, der Giocondo benannt wurde, Schüler der dritten Klasse, war undiszipliniert und arrogant. Er wurde vom Bedell [Schuldiener] mehrmals bestraft, ohne Wissen der Nonne. In der 4. Klasse konnte man mit ihm nichts mehr anfangen. Er lernte überhaupt nichts. Er dachte sich nur noch aus, was er anstellen könnte. Die Schwester musste ihn stets im Auge behalten. Das wurde von Tag zu Tag schwieriger und gefährlicher, vor allem weil in der Schule Kinder anwesend waren. Einmal, als die Schwester ihn mit aller Kraft tadelte, erschrak sie, als sie sah, dass er in seinen Taschen etwas suchte. Aber es geschah nichts.

Eines Tages erwachte die Schwester mit Angina und fragte den Missionar Fulchiero, ob er sie vertreten könnte. Sie war im Bett mit Fieber. Am Mittag hörte Sie schnelle Schritte in Richtung Krankenzimmer. Was war los? Der Missionar kam, um erste Hilfe zu holen. Der Schüler Giocondo hatte in der Tasche ein ungewöhnliches Objekt, das losschnellte und ihm die Hand durchbohrte. Man fragt sich was geschehen wäre, wenn er dieses Instrument gegen seine Kameraden oder Lehrerinnen gebraucht hätte. Nach diesem Geschehen wurde die Schwester hellhörig und bei der ersten Gelegenheit wurde er aus der Schule verwiesen.

Himmel öffne dich, der Vater und die Mutter kamen in die Schule und protestierten. Sie wendeten sich an den Missionar, der aber wohlweislich nichts unternahm. Sie wendeten sich an den Inspektor der Schule, aber dieser bestätigte die Entscheidung der Lehrerin.

Die Lehrerein war überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Sie wollte die Moral der Klasse bewahren und auch andere Unfälle vermeiden. Die Eltern waren nicht einverstanden.

Sie wendeten sich auch an die Superiori della Congregazione. Die sendeten einen unerwarteten Besuch in der Person der Schwester Concetta und Schwester Begnina im Juni 1913. Sie konnten aber nach der Schilderung feststellen, dass der Verlauf der Angelegenheit ganz anders war als vom Vater geschildert. Die Schwestern waren bei den Kindern sehr beliebt und auch bei den Familien und sie wurden von der Obrigkeit ebenfalls unterstützt und geschätzt.

Die Familie des G. musste ihre Meinung ändern. Nach der Verstossung aus der Schule erwies sich der Sohn mit einem anderen Kameraden als Dieb. Damit man ihn der Justiz entziehen konnte, wurde er nach Italien zu den Grosseltern geschickt. Der Vater von G. starb ganz allein an einem Hirnschlag. Es war wieder die Nonne, die die Familie schreien hörte. Die Schwester kam als erste und half, wo es notwendig war. Die Tochter Giuliva ging noch in die Schule und wurde ihre Schülerin.

Erfreuliches für die Schwestern[Bearbeiten]

Es gab auch andere Fälle. Schwester Floriana, die in Basel war, erinnert sich noch mit Rührung an ein vierjähriges Mädchen, Bianca Angela Ortelli. Die Eltern konnten sie nicht zu Hause haben, weil sie zu wild und zu unruhig war. Sie gaben das Kind in die Obhut der Schwester Floriana. Um das Kind zu beruhigen wurde von Gott und Katechismus gesprochen.

Die Schwester wunderte sich, wie das Mädchen ihre Worte aufnahm. Es wurde viel ruhiger und konnte mit 4 Jahren die heilige Kommunion nehmen in der Kapelle am Rümelinsweg [Basel]. Welch paradiesische Szene!

Auch Mario Borselli wurde den Schwestern anvertraut. Im Alter von nur 6 Jahren konnte er als Messediener hantieren. Der Obermissionar war sehr stolz und nahm ihn mit, wenn er nach Basel ging um die Messe zu zelebrieren. Der Junge wurde von allen bewundert und man gab ihm oft kleine Geschenke.

Zwei Buben von 10 und 12 Jahren konnten nicht bei den Eltern bleiben, weil sie mit ihrem Geschäft zu beschäftigt waren. Sie schickten sie in Pension zu den Schwestern. Die Kinder hatten noch nichts von Gott gehört. Die Mutter war Protestantin und der Vater Katholik - aber sie waren nicht christlich verheiratet.

Nach den ersten Katechismusstunden, wollten die lieben Kinder unbedingt getauft werden. Die Eltern gaben die Einwilligung. Ein anderes Kind wurde auch am gleichen Tag getauft. Drei Taufen in einem Tag, welch ein Trost für de Mission!

Nach einem Monat Katechismus bei der Schwester wollte ein 12 jähriger Bub auch getauft werden und verlangte die Einwilligung seiner Eltern als Weihnachtsgeschenk.

Die Nonnen hatten viele Opfer zu bringen. Jedes gute Resultat war für sie ein Ansporn, für den Ruhm Gottes und die Rettung des Nächsten weiter zu wirken.

Tripoli-Spital: Krankheit, Tod und Genesung[Bearbeiten]

Behandlungszimmer im Tripoli-Spital: Dr. Levy (links), Krankenpfleger und Schwestern.

Das Krankenhaus wurde von Kandersteg nach Grenchen übersiedelt. Die Luft in Grenchen war ganz anders als in den Bergen des Loetschbergs und viel angenehmer die Atmosphäre. Drei Ärzte wurden angestellt, der Oberarzt war Chirurg, Alt-Katholik, der Zweite, allgemeiner Arzt, war Jude, der Dritte [Dr. Hagnauer] war Assistent und Protestant. Alle respektierten die Schwestern. Die Aerzte waren für die Krankheit zuständig und wollten den Schwestern bei der Pflege und der geistlichen Betreuung der Kranken nicht in die Quere kommen.

Fälle von Lungenentzündung waren häufig. Der Grund dafür war wohl der starke Temperaturwechsel zwischen Tunnel und ausserhalb des Tunnels. Einer dieser Kranken wurde in die Erholung geschickt, aber er wollte nichts essen. Man hatte Angst, dass er an Untemährung sterben würde. Seit mehreren Tagen ohne Fieber blieb er im Bett ruhig liegen und wollte gar nichts zu sich nehmen. Die Schwester Gioconda war sehr traurig und wusste nicht mehr was sie unternehmen könnte. Plötzlich kam ihr eine Idee. Die Schwestern hatten einen kleinen Garten. Sie holte eine reife Erdbeere auf einem Blatt und ging zum Kranken. Er lächelte die Schwester an und ass die Beere. Das wurde gefeiert. Am anderen Tag brachte ihm die Schwester zwei Erdbeeren und die wurden auch gegessen. Von diesem Moment an war das Problem gelöst.

Ein anderer Kranker befand sich in Lebensgefahr aber man konnte ihm nicht von Gott und der Seele erzählen. Seine Angehörigen waren dagegen, dass er die Sakramente erhielt und standen stets an seinem Bett. Man musste den richtigen Moment abwarten, dass der Patient allein sein würde. Die Ehefrau hatte sich entschlossen, für einige Minuten wegzugehen. Genau diesen Moment nutzte der Missionar.

Alle, die für diesem Sieg geholfen hatten, waren sehr froh. Sie beteten in der Kapelle um sich bei Gott zu bedanken. Sie hatten den Teufel überlistet. Sie dankten für diese Gnade und erinnerten sich gerne daran.

Wenn die Schwestern, in Schwierigkeiten waren wendeten sie sich an San Giuseppe. Der Heilige wurde als Vaterfigur verstanden und er half ihnen in verschiedenen Fällen. Eine Frau sollte als Notfall ins Spital gebracht werden. Das Spital war gross genug, hatte aber nur eine Männerabteilung. Dies würde zu einem Präzedenzfall, man musste handeln. Sie wendeten sich an S. Giuseppe und zündeten Kerzen an. Ein telefonischer Anruf berichtet, dass die Patientin unterwegs war, ein zweiter Anruf, dass sie vor der Türe stand - und plötzlich musste die kranke Frau "zurück Marsch" nach Frutigen gebracht werden. Als guter Vater hat sankt Giuseppe wie immer seinen Töchtern geholfen.

Gott sei Dank kam es in Grenchen selten zu Katastrophen. Einige sind doch im Gedächtnis geblieben.

In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag vor Ostern 1913, starben zwei Arbeiter durch eine Minenexplosion. Man brachte sie geköpft ins Spital (ohne Kopf). Die Schwestern waren sehr traurig und sagten, wenn man nur die Seele dieser Arbeiter hätte retten können. Leider lebten nur wenige Arbeiter nach den christlichen Prinzipien. Viele fluchten und lästerten über Gottes Namen.

Einer der Arbeiter lebte in wilder Ehe nicht weit von der Mission. Der Schmerz der Schwestern wurde noch grösser. Sie bekamen den Auftrag zu den Familien zu gehen, um die Nachricht zu überbringen und sie waren sehr unglücklich, weil sie wussten, dass sie nicht über Glauben und Hoffnung reden konnten. Sie versuchten es trotzdem, aber sie kamen zur Einsicht, dass wo kein Glaube ist, ist auch keine wahre Liebe für den Nächsten zu finden sei.

Ein anderes Unglück geschah. Der Kassier dell 'Impresa wurde vom Blitz erschlagen und getötet. Er war auch kein guter Christ. Er lästerte über die Mission in verschiedenen Zeitungen. Seine Leiche wurde ins Spital gebracht. Die Schwestern waren die ersten, die den Toten empfingen. Die Ärzte und der Krankenpfleger probierten die Mundbeatmung, aber ohne Erfolg. Die Familie brachte den Verstorbenen mit vielen Blumen ins Leichenhaus, gebetet wurde wenig.

Der Niedergang[Bearbeiten]

Das „Geschäft“ mit dem Tripoli[Bearbeiten]

Tripoli Grenchen

Für die Pacht des Siedlungsgebiets und für dessen Erschliessung investierte die Gemeinde Grenchen Fr. 30.000.--. Bei der Schlussabrechnung nach dem Tunnelbau zeigte es sich, dass die Gemeinde mit der Barackensiedlung Tripoli einen Ueberschuss von Fr. 12.784.- erzielt hatte. Das Geschäft mit dem Tripoli war ein Erfolg in vielen Beziehungen:

  • Gute Finanz- und Bauplanung
  • Rechtzeitige Pacht des nötigen Landes
  • Ortsübliche Erschliessung des Landes, womit im Vergleich zu anderen Bauarbeitersiedlungen viele Anforderungen der Hygiene von Anfang an erfüllt waren
  • Strenge und detaillierte Bauvorschriften hatten selbst in den provisorischen Barackenbauten einen gewissen Wohnkomfort zur Folge

Die Kehrseite der Erfolgsgeschichte[Bearbeiten]

Entgegen all den positiven Voraussetzungen entwickelte sich die Lage im Tripoli negativ. Schon nach einem Jahr gerieten die allzu zahlreichen Kantinenbetriebe in finanzielle Schwierigkeiten. Die Attraktion Tripoli übte nach einigen Monaten nicht mehr die gleiche Anziehungskraft auf die einheimische Bevölkerung aus, wie das anfänglich der Fall war. Diese Einbusse wie auch die Sparsamkeit der italienischen Tunnelarbeiter veranlassten die Barackenbesitzer zur Erhöhung der Pacht- und Mietzinse. Die Geprellten in dieser Angelegenheit waren die Tunnelarbeiter und ihre Familien. Sie waren kaum mehr in der Lage, die Mieten für die Unterkünfte im Tripoli aufzubringen. Viele verliessen das Barackendorf und fanden im Dorf Grenchen eine Unterkunft. Schon im Juli 1914 gab es unbewohnte Baracken, zwei waren bereits abgerissen.

Möglicherweise war es ein Fehler, dass die Gemeinde einen Grossteil der Grundstücke an wenige kapitalkräftige Barackenbesitzer verpachtete, die das Land oder das bebaute Grundstück zu hohen Zinsen weiter vermieteten. Zudem bewilligte man im Tripoli zu viele Gaststätten, es waren deren siebenundzwanzig. Die konnten in der kleinen Siedlung kaum ihr Auskommen finden. Mit dem Tripolis Trimbach (Hauenstein Basistunnel) lässt sich ein aufschlussreicher Vergleich anstellen: Das Tripolis Trimbach hatte mehr als doppelt so viele Bewohner wie das Grenchner Tripoli aber ziemlich genau gleich viele Kantinen und Restaurants. Selbst in Trimbach weiss man, dass sich der finanzielle Erfolg der dortigen Kantiniers in einem bescheidenen Rahmen hielt. Wen wunderts da, dass die Wirte im Grenchner Tripoli echte Probleme hatten.

Eine plausible Begründung für die grosszügige Bewilligungspraxis für Wirtepatente im Barackendorf liefert vermutlich die folgende Tatsache. Die Münster-Lengnau Bahn mit dem Grenchenbergtunnel war ursprünglich zweispurig geplant. Für das Doppelspurprojekt wäre fast die doppelte Anzahl Arbeiter nötig gewesen. Das bestätigen die Arbeiterzahlen in Kandersteg (Lötschberg) wie auch in Trimbach (Hauenstein Basistunnel). Rund acht Millionen Franken teurer wäre das Doppelspur-Projekt ausgefallen. Der nötige Kapitalbedarf konnte nicht gedeckt werden. Es blieb den Bauherren keine andere Wahl, als das Projekt einspurig auszuführen. Offenbar schlugen die Informationen über die Folgen dieses Entscheids zu wenig durch. In Grenchen erwartete man tatsächlich weit mehr als tausend Arbeiter.

Die Kantiniers und Barackenbesitzer versuchten mit Eingaben an den Gemeinderat und an den Regierungsrat, die von der Gemeinde erhobenen Pachtzinsen zu halbieren bzw. die kantonalen Patenttaxen zu reduzieren. Das gelang nicht. Gemeinderat und Regierungsrat wiesen die Eingaben zurück. Denn die meisten Kantiniers litten eigentlich weniger unter den recht moderaten Pachtzinsen der Gemeinde Grenchen, sondern eher unter den zum Teil horrenden Zinsen (Unterpacht) der Barackenbesitzer. Das Grenchner Volksblatt[17] berichtete im Mai 1913 in einer dreiteiligen Artikelserie über diese Probleme. Die Streitigkeiten zogen sich noch lange hin. Schliesslich kam es noch zu einer Gerichtssache zwischen einigen Barackenbesitzern und der Gemeinde Grenchen. Diese Rechtshändel endeten erst 1915 mit einem Vergleich.

Tunnelbau[Bearbeiten]

Die Geschichte des Tunnelbaus 1911 - 1915 ist in einem separaten Artikel beschrieben.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Protokoll eines Augenscheins der Gemeinderatskommission vom 7. oder 10.11.1911 (Scan)
  2. Schlusswort aus der Dissertation von Dr. Daniel Pometta, Betriebsarzt der Simplon Tunnelbau-Gesellschaft: Pometta, Daniel: Sanitäre Einrichtungen und ärztliche Erfahrungen beim Bau des Simplontunnels 1898-1906. Winterthur, 1906. – 101 S., Fig., Tab. S. 54 u. 55 (Abschrift als PDF)
  3. Anhang zum Baureglement der Einwohnergemeinde Grenchen (PDF Version)
  4. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1 (Verlag Traugott Bautz) 1990
  5. "Grenchner Volksblatt" 17.4; 26.4.; 28.4; 1.5. und 3.5. 1912
  6. Historisches Lexikon der Schweiz
  7. Niederlassungs- und Konsularvertrag zwischen der Schweiz und Italien
  8. Grenchner Volksblatt von 23.5.1913, Artikelserie über Tripoli
  9. Auszug aus dem Grenchner Volksblatt von 23.5.1913
  10. Die Schwestern des S. Giuseppe di Cuneo im Einsatz in Grenchen, Kandersteg, Goppenstein und Naters. L'Emigrato Italiano, No. 4 (1989), S. 48. (PDF Auszug)
  11. Ökumenisches Heiligenlexikon, Heilige Barabara
  12. Grenchner Tagblatt vom 5. August 1913 und 7. August 1913 (Auszug als PDF)
  13. Übersetzung aus dem italienischen von Carlo Buletti.
  14. Junger, Ulrich: Kandersteg während der Tunnelbauzeit, 1906-1913. - Wie das Dorf dem Zustrom der vielen ausländischen Arbeiter und deren Familien begegnete. - Kandersteg, 1995. - Typoscript, 32 S.
  15. iario delle Suore di San Giuseppe di Cueno 1912/13. Typoscript verfasst von Schwester S. Cuore Liboà.
  16. Ökumenisches Heiligenlexikon, Don Bosco
  17. Grenchner Volksblatt von 17.5.1913, Artikelserie über Tripoli

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]