Teddy Buser

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Teddy Buser
* 1. November 1943 in Grenchen
Lehrer, Chef des Amtes für Volksschule und Kindergarten AVK (2000-2006)

Die Fünfzigerjahre – Reise in die Neuzeit

Teddy Buser erinnert sich an seine Jugendzeit in den Fünfzigerjahren.

Am 1. April 1950 fuhr ich in die Neuzeit. Meine Eltern, meine Schwester und ich sassen im gelbblauen Chauffeurhaus eines Zügelwagens der Firma H. Vollenweider. Er führte uns als allererste Mieterfamilie der Neuen Wohnbaugenossenschaft (NWG) an die Solothurnstrasse. Hier waren, als Antwort auf die arge Wohnungsnot in Grenchen, zwei Wohnblocks entstanden mit je 18 Wohnungen.

Alles war neu und anders. Vorher bewohnten wir eine kleine Dreizimmerwohnung im Dachgeschoss eines älteren Dreifamilienhauses mit Hühnerhof und grossem Garten. Bad hatten wir keines, das WC befand sich draussen im Estrich. Im Wohnzimmer befand sich ein kleiner schwarzer Gusseisenofen, mit dem die ganze Wohnung beheizt wurde. Angefeuert wurde mit Holz, Langzeitwärme lieferten die Briketts, die mühsam hochgeschleppt werden mussten.

Und jetzt war alles anders: Zentralheizung und daher Radiatoren in allen Räumen, neue schöne Zimmer mit hellen Tapeten, im Wohnzimmer Klötzchenparkett, den wir jeden Samstagnachmittag neu behandelten mit Stahlspänen, Bodenwichse und Glanzlappen. Und das schönste: ein geheiztes Bad mit Badewanne, WC, Lavabo, fliessendem Kalt- und Warmwasser.

Mein Vater wurde Heizer im Block. Während der Heizperiode hiess das für ihn früh aufstehen, Kohlen schaufeln. Nachmittags war das meine Arbeit. Das Feuer brauchte Nahrung, es durfte nicht ausgehen, sonst froren die Hausbewohner.

Bei den Umgebungsarbeiten halfen alle Mieter, die innert weniger Tage eingezogen waren, Erde karren, planieren, pflanzen. Auch die Kinder hatten zuzugreifen. Jene, die sich zwischendurch verkrümelten, waren immerhin pünktlich zum gemeinsamen Zvieri wieder anwesend.

Dann kam der erste Schultag. Der Schulweg war spannend, es ging an drei Bäckereien (Forster, Schleucher, Kissling) und an einigen andern Geschäften vorbei bis ins Schulhaus II. Ich war stolz auf meinen Schulsack mit dem weissschwarzen Fell und auf das Etui mit sechs Prismalofarbstiften, Gummi und Bleistiftspitzer. Wir waren fünfzig Kinder pro Klasse.

Mein Vater arbeitete als Mechaniker in der Fabrik, meine Mutter machte damals Heimarbeit. Sie musste am Etabli Tausende kleiner Schräubchen in gelbe Uhrenteile schrauben, das Mikro ins Auge geklemmt. Manchmal holte sie mich nachmittags von der Schule ab zum Einkaufen: Gemüse beim Meier-Gindrat, Brot beim Beyeler, Diverses im Comestibles Schmid, Fleisch beim Meister. Es gab jede Menge interessanter Ladengeschäfte. Am liebsten war ich beim Metzger, da erhielt ich immer ein Cervelat-Scheibchen.

Wenn ich Glück hatte, ging es anschliessend zum Lavoyer. Das ist in meiner (verklärten) Erinnerung immer noch das schönste Tea-Room mit der besten Patisserie, das ich je gesehen habe. Je nach Saison gab’s Erdbeerkuchen oder Vermicelles.

Abends sassen wir vor dem Wohnblock auf dem „Mürli“ und zählten die Autos, die vorbeirasten – ohne Geschwindigkeitsbeschränkung. Jedes Jahr kam es zu tödlichen Unfällen. In unseren 36 Wohnungen hatte nur Herr Hügi ein Auto. Einmal, als es in Strömen regnete, anerbot er sich, die Kinder für fünfzig Rappen pro Kopf zur Schule zu bringen. Das war seit dem Wohnungsumzug meine zweite Autofahrt.

Bald nahm der Verkehr zu, und der Wohnungsbau ging rasant weiter. Im Osten, im Westen und im Süden der Stadt entstanden zahlreiche Mehrfamilienhäuser, schliesslich mussten die vielen Arbeiter und Arbeiterinnen der boomenden Uhrenindustrie irgendwo wohnen.

Als im Jahr 1954 die Fussballweltmeisterschaft in der Schweiz stattfand, waren alle fussballverrückt. Stundenlang spielten wir auf der Spielwiese Ungarn gegen Brasilien, Schweiz gegen Italien. Deutschland wollte niemand sein, auch nicht, als sie gewonnen hatten. Die WM-Spiele schauten wir uns in den Restaurants an, die einen Fernseher hatten – Mühle, Oele, Volkshaus.

Mit dem Fernseher kamen auch die Unterhaltungssendungen. Wenn Mäni Weber mit seinem „Dopplet oder nüt“ auf dem Programm stand, musste ich für die Familie im Cadran einen Tisch reservieren gehen.

Der Rock and Roll kam auf. Wir hörten und krähten die Schlager von Bill Haley, Elvis Presley, Peter Kraus. Die Röhrchenhosen mit 17 cm Breite wurden Mode. Wir schmierten Brillantine in die Haare und kämmten hinter dem Kopf die Haare zu einem „Äntefudi“.

Grenchen wuchs und wuchs. Nicht nur an der Peripherie, auch im Zentrum wurde gebaut. Der Sorag – ein veritables Hochhaus – entstand mit vielen Wohnungen, Geschäften und Erwin Ballabios Kino Scala. Die Schulhäuser wurden zu klein. Das Kastelsschulhaus wurde eingeweiht mit einem Umzug durch die Stadt.

Im selben Jahrzehnt wurden das Schwimmbad und das Parktheater eröffnet – zwei Jahrhundertwerke. „Die Himmel rühmen des ewigen Ehre“ sangen wir mit dem Schülerchor auf der Bühne. Ernst Märki dirigierte. Und mit der Jugendriege turnten wir den Schulterstand am Barren, das war das schwierigste turnerische Kunststück, das ich je zustande brachte.

Es war eine tolle Zeit, eine richtige Aufbruchstimmung. Der Fortschritt schien nicht aufzuhalten zu sein. Und das charmante Zentrum mit den kleinen Ladengeschäften blieb vorläufig erhalten – mit Othmar Baumgartners Hemd- und Hutgeschäft, Ida Gschwinds Zigarrenladen, Schuhmacher Wülsers Lädeli im Stinkgässchen zwischen Sonne und Löwen, dessen Geruch ich heute noch in der Nase habe, war voller Leben. Nur die alte schöne Post, in der Emil Strausack und Manfred Gloor die Stadtbibliothek betreuten, wurde abgerissen und durch einen nichtssagenden Neubau und ein Pissoir ersetzt – eine Jahrhundert-Dummheit.

Der Musikpreis Grenchen wurde ins Leben gerufen. Sport- und Musikvereine waren überaus erfolgreich, unterstützt durch die Patrons der Industriebetriebe, bis zum Sieg des FC Grenchen 1959 im Schweizer Cup-Final. Das war der Clou und gleichzeitig die Krönung einer unglaublichen Wachstumsphase und eines phanstastischen Jahrzehnts voller Phantasie und Kreativität. Wir waren Top of Switzerland.

Im Jahr darauf – 1960 – verlor der FC Grenchen den Schweizercup Final. Der Höhepunkt war überschritten. Für den FC! Und für Grenchen?

Quelle

  • Text von Teddy Buser. Der Text entstand im Jahre 2004 als Beitrag für die Broschüre „Planen, bauen, eine Stadt werden  : Grenchen in den 50er Jahren. Hrsg. von der Stadt Grenchen, Grenchen, 2004.“

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