Postplatz

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Alle 50 Jahre ein neues Gesicht[Bearbeiten]

Der Postplatz wechselt im Abstand von rund 50 Jahren regelmässig sein Gesicht. Diese Tradition reicht bist in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Damals entstand an der Stelle der Zehntenscheune eine Ebauches-Fabrik.

Die Alte Post[Bearbeiten]

„Die Alte Post war etwas Schönes“, klagen viele Grenchnerinnen und Grenchner. Das Gebäude wurde 1896 gebaut und markierte das damalige Zentrum der Gemeinde. Im Bau lässt sich der freie jugendliche, schwungvolle Geist des Jugendstiels erkennen. Die Architektur war mit ihren romantisch anmutenden Elementen des Historismus einem altdeutschen Rathaus nachempfunden und erzeugte das historisierende Bild der Mitte eines gewerbefleissigen mittelalterlichen Städtchens. Allerdings wurden mit dem Putz einige bautechnische Elemente imitiert so etwa die vorgetäuschten Quadersteine. Das Gebäude besass zwei Flügel von je 16 m Läge und die Front mass rund 13 m. Im Erdgeschoss war im linken Flügel die Briefpost und im rechten Flügel die Paketpost untergebracht. Im ersten Stock befand sich die Abteilung Telefon und Telegraph. Der Eidgenössische Kontrollverein für Gold-und Silberwaren und die Edelmetallkontrolle befanden sich im zweiten Stock. Sie zogen 1908 in den Neubau an der Bahnhofstrasse, wo sie das heutige Hôtel de Ville zusammen mit der Amtschreibrei und der Kantonalbank teilten. In der „alten Post“ befanden sich auch die Stadtverwaltung mit dem Ammannamt und der Stadtkanzlei. Diese Abteilungen der Stadtverwaltung zogen 1933 in die Räumlichkeiten den Kantonalbank an der Bahnhofstrasse (dem Gebäude der Edelmetallkontrolle), wo sie sich noch heute befindet. Im grossen Sitzungszimmer im 2. Stock der „alten Post“ tage der Gemeinderat, der ab 1955 im Gemeinderatssaal des neuen Parktheater zusammentritt. Auf dem Postplatz, dem eigentlichen geographischen und gesellschaftlichen Zentrum Grenchens, fanden die Bundesfeier, die Empfänge für erfolgreiche Sportler, aber auch andere öffentliche Anlässe statt.

Die Zehntenscheune[Bearbeiten]

Vor der Alten Post stand am Fuss das Kirchenhügels die Zehntenscheune. Sie enthielt drei Tennen, eine Stall und einen Keller. Sie wurde 1799 versteigert und gelangte später in den Besitz des Löwenwirts Euseb Girard. Die Scheune dürfte bereits das Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens gewesen sein. Hier wurde von 1761 und 1781 das Schauspiel „Genoveva“ des Grenchner Gemeindammanns und Bauerndichter Andreas Ris aufgeführt. Ein anderes Theaterstück von Andreas Ris, die „Tausendritter“, konnte weil die notwendigen Pferde nicht aufgetrieben werden konnten, leider nie aufgeführt werden. Zwischen 1806 und 1808 diente sie als Notkirche für die im Bau befindliche Kirche. Hier fand sich in den 1840er auch die Verkaufsstelle des Metzgers Hägeli aus Selzach. Grenchen besass damals noch keine eigene in der Gemeinde niedergelassene Metzgerei.

Die Ebauches-Fabrik[Bearbeiten]

1860 verschwand die Zehntenscheune, und die Uhrenrohwerkfabrik des Euseb Girard wurde gebaut. Beim grossen Brand von 1864 konnte die Fabrik zusammen mit der Kirche, dem Schulhaus und dem Restaurant Löwen mit grosser Mühe gerettet werden. Die Ebauches-Fabrik ging an den Sohn Alfred Girard über, dieser verkaufte die Liegenschaft 1893 an den Notar und Amtschreiber Eugen Nagel aus Solothurn. Der Kontrollverein erwarb die Fabrik. Den Wettbewerb für den Bau des Gebäudes der „alten Post“ gewann August Fehlbau aus Biel, nach dessen Pläne das Gebäude zwischen 1896 und 1898 erbaut wurde.

Die Neue Post[Bearbeiten]

Knapp 60 Jahre nach ihrem Bau, 1956, verschwand die Alte Post. An ihrer Stelle entstand ein Platz, präziser ein Parkplatz. „Asphalt und Autoblech sind sicher kein Ersatz der so viel gerühmten alten Post“, hält Albert Straumann in einem Bericht aus dem Jahr 1989 fest. Zudem vermochte die neue Post mit ihrer nüchterne Fassade nie das alte als besonders charmant empfundene Gebäude zu ersetzen, was einer Platzgestaltung zusätzlich abträglich war. In den 70er Jahren wurde im Gemeinderat beantragt, auf der neuen, grossen Wappenscheibe der Stadt sei die „Alte Post“ detailgetreu abzubilden. Dieser Antrag fand jedoch keine Mehrheit. Die Neue Post entstand zwischen 1953 und 1954 direkt hinter dem Alten Postgebäude. Kurze Zeit existierten beide nebeneinander. Dann wich die Alte Post, da das starke Verkehrsaufkommen an diesem zentralen Knotenpunkt mehr Platz benötigte. Dazu kam, dass die Renovation zu viel gekostet hätte und für die Umnutzung des Gebäudes keine inhaltlichen Ideen vorhanden waren. Die Neue Post war ein Zweckbau, wo die Pakete und Brief sortiert wurden, von wo aus die Telephonmonteure die das Telefonnetz der Stadt unterhielten. Das stark gewachsene Briefaufkommen verlangte nach mehr Platz, so dass die eidgenössischen Räte bereits am 22. Oktober 1949 einem Neubau zustimmten. In Grenchen wurde 1869 nach 40'853 Kleinsendungen und 6918 eingeschriebene Pakete aufgegeben. 1952 waren bereits 1.975 Mio. Kleinsendungen und 252'000 Pakete. Unter der Leitung des Postverwalters Ernst Lehnen standen bei der Eröffnung 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Durch eine offene Halle, damals standen noch keine Telefonkabine zwischen den Säulen, gelangte man in die geräumige Halle mit den neun Schaltern. Das Ende der Schalterhalte dominierte ein wunderbares Wandbild. Im ersten Stock befand sich neben Telegraph und der Telefonzentrale auch die Metallkontrolle. Als am 23. April 1890 in Grenchen der Telefonbetrieb aufgenommen wurde, gab es insgesamt sieben Teilnehmer. 1952 gab es in Grenchen 3'370 Telefonapparate von denen 2.523 Mio. Gespräche geführt wurden. Im Keller der Neuen Post befand sich der Kabelraum mit sieben Abonnenten-und einem Bezirkskabel. Rund 12'000 einzelnen Drähte führten in die in den Hauptverteiler im ersten Stock. Die Automatisierung und die Aufteilung der PTT in Swisscom und Post führte dazu, dass die Telefonie an die Josef-Girard-Strasse ausgelagert wurde. Mit der Zentralisierung des Sortiervorgangs von Briefen und Paketen auf einige wenige Zentren in der Schweiz standen weitere Räume leer. Die Erschliessung über den Hof und die nicht einfache Zufahrt über die Rainstrasse liessen keine Vermietung an Dritte zu. Zusätzlich stellten sich bauliche Mängel ein, die einen Abriss nahe legten. 2003 begann man mit dem Abbruch.

Die "neue" Neue Post[Bearbeiten]

Heute ist auch die Neue Post Geschichte. Zwar steht die Schalterhalle noch aber der Annexbau mit den Arkade und deren Geschäft im Süden ist verschwunden. Entlang der Kirchstrasse entstand ein neuer Glasbau. Geschäfte und Büros wurden im Herbst 2004 bezogen. Hin zur Centralstrasse entsteht ein kleiner Platz mit Café, der zum Verweilen einlädt. War der heutige Postplatz das Zentrum des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Geschehens in Grenchen, so zerfiel diese Einheit mit dem Abbruch der Alten Post in den 50er Jahren endgültig. Es brauchte rund 50 Jahre bis Grenchen im Marktplatz ein neues Zentrum gefunden hat.

Quellen[Bearbeiten]

  • Text von Lukas Walter