Handel, Gewerbe und Dienstleistungen in den 50er Jahren

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Ein paar Beispiele gesammelt von Alfred Fasnacht.

Einkaufen in Grenchen

Der alte Lebensmittelladen

Das Einkaufen über Verkaufstheken herrscht noch vor in den frühen 50er Jahren. Das Verkaufspersonal steht hinter den Ladentischen, die Kundinnen und Kunden davor und sagen der Verkäuferin, was sie wünschen. Wer erinnert sich? Etwas böse formuliert, jagt der Kunde die Verkäuferin oder den Verkäufer im ganzen Laden herum, um jedes verlangte Gut einzeln in den Gestellen, manchmal sogar im tiefer gelegenen Lagerraum zu holen während er, der Kunde, geduldig wartet bis die Verkäuferin wieder erscheint, um den nächsten Kundenwunsch entgegen zu nehmen. Die Güter werden separat gewogen und einzeln auf dem Ladentisch verpackt und aufgetürmt. Vor der Bezahlung tippt die Verkäuferin Posten um Posten in die Registrierkasse ein. Der Kunde bezahlt und erhält sein Retourgeld. Je nach Einkauf erwartet der Kunde von der Verkäuferin, dass sie ihm hilft, die eingekauften Waren in die Einkaufstasche zu packen. Die Bedienung eines Kunden dauerte nicht selten 10 Minuten, mit kleinem Alltagsschwatz noch einiges länger. Eine freundliche Bedankung und Verabschiedung schliesst den Einkaufsvorgang ab. Wer ist jetzt an der Reihe?

Neues kündet sich an

Im Dezember 1950 eröffnete das Warenhaus Meyer Söhne AG seinen Neubau an der Bielstrasse/Löwenkreuzung. Meyer Söhne war das erste modern konzipierte Warenhaus in Grenchen. Die offene Auslage der Waren mit angeschriebenen Festpreisen, die ungezwungene Warenhaus-Atmosphäre, den freien Zutritt ohne Kaufsdruck für die Kundschaft, das war schon etwas Neues für die Grenchner.

Im Oktober 1953 eröffnete das neue Kaufhaus Schmiedehof (AKG, Allgemeine Konsumgenossenschaft Grenchen). Die Lebensmittelabteilung des Schmiedehofs ist der erste Selbstbedienungsladen in Grenchen, ziemlich genau 5 Jahre nach der Eröffnung des ersten Selbstbedienungsladens der Schweiz durch die Migros. Das war im März 1948 an der Seidengasse in Zürich. Lichtschranken steuerten die Ein- und Ausgänge des AKG Selbstbedienungsladens im Schmiedehof. Beim Eintreten in den Laden öffneten sich die Türen von selbst. Das war eine Neuheit in Grenchen, alle staunten über das technische Wunderwerk. Auch die Schulbuben freuten sich über diesen Eingang und entdeckten ihn bald als Spielzeug, mit dem man die Kassierinnen des Schmiedehofs ärgern konnte, die gleich dahinter an ihren Kassen arbeiteten. Ein gravierendes Problem gab es von Anbeginn: Diebstahl! In den ersten Jahren kämpfte die AKG ohne grossen Erfolg dagegen. An Samstagen stahlen die „Kunden“ gar nicht selten Waren im Ausmass von hohen Prozentanteilen des Tagesumsatzes. Es soll Kundinnen gegeben haben, die gestohlene Butter in der Bluse versteckten. An heissen Tagen beim Anstehen an der Kasse verrieten die Fettspuren auf der Bluse die Schandtat.

In Grenchen war die Migros seit 1945 mit einem kleinen Laden an der Bielstrasse präsent. Nach dem Selbstbedienungsladen der AKG im Schmiedehof liess die Migros nicht lange auf sich warten. Schon 1954 zog sie um an den Marktplatz und eröffnete dort einen modernen Selbstbedienungsladen mit Restaurant im ersten Stock – Sicht auf den Marktplatz. Viele Grenchner und Grenchnerinnen waren misstrauisch gegenüber der Migros und ihren Grundsätzen. Man schaute lange noch etwas abschätzig auf die Migroskunden, obwohl man insgeheim selber hie und da vorbeischaute, vor allem jetzt im neuen Selbstbedienungsladen am Marktplatz. Schliesslich war ja auch der Preisvorteil nicht zu verachten.

Beide Selbstbedienungsläden in Grenchen waren für die Betreiber ein Riesenerfolg und bei der Kundschaft rasch sehr beliebt. Das Einkaufen entwickelte sich im Laufe der 50er Jahre zum erstrangigen Wochenenderlebnis, wo man sich seinen Teil holte vom riesigen Kuchen der Warenmassen und wo man Fülle und Wohlstand unmittelbar miterlebte.

Was lief da ab?

Die Selbstbedienungsmethode bedeutete für den Detailhandel den wichtigsten je verwirklichten Rationalisierungsschritt. Die Anzahl täglich bedienter Kunden vermehrfachte sich, die Umsatzzahlen erfuhren einen massiven Anstieg, wobei sich der anteilmässige Personalaufwand verringerte. Die Selbstbedienungsläden erforderten eine viel grössere Ladenfläche. Mehr offen zugängliche, stets volle Regale und Gestelle, Wareninseln und Körbe waren Voraussetzung für den Erfolg. Der Kunde musste den Eindruck der Fülle und des Überflusses gewinnen. Die Ware war einzeln abgepackt und ging mit aufgedrucktem Festpreis in den Verkauf. Der gewaltig steigende Verpackungsbedarf liess die Verpackungsindustrie aus allen Nähten platzen und förmlich neu entstehen. Schon nach wenigen Jahren waren die Selbstbedienungsläden nicht mehr wegzudenken. Nur sie waren in der Lage, die von der überhitzten Wirtschaft produzierten Warenberge schnell und effizient zum Endabnehmer zu leiten. Marktforschung, Erforschung des Käuferverhaltens, Werbung und Verkaufspsychologie darüber sprach man in den Chefetagen der Produktionsbetriebe, der Verkaufsgeschäfte und Verteilerzentralen. Werbegrafik und Verpackungsdesign gewannen mächtig an Einfluss. Die Beherrschung der Sprache des Marketings gehörte bei den Erfolgreichen zum guten Ton. Heute erst wird man sich allmählich der enormen Bedeutung der Selbstbedienung bewusst. An der Ausbreitung der Massenproduktion und des Massenkonsums als Basis für die Wohlstandsgesellschaft war die Selbstbedienung stark beteiligt. In der Schweiz wurzelt die aus den USA stammende Selbstbedienung ganz eindeutig in den 50er Jahren.

Radio Schnyder im neuen Geschäftslokal

Im Mai 1954 öffnete das neue Ladengeschäft von Radio Schnyder an der Bahnhofstrasse seine Türen. Moderne und im neuen Stil eingerichtete Verkaufsräume auf zwei Etagen hiessen die Kundschaft willkommen. Im oberen Stockwerk öffnete sich dem Kunden ein geräumiger Vorführraum. Es standen auch zwei schalldichte Kabinen zur Verfügung, die zum Hören und zur Auswahl von Schallplatten dienten. Im hinteren Teil des Gebäudes befand sich die Werkstatt. Zwei gut ausgebildete Techniker waren zuständig für Reparaturen und alle übrigen Arbeiten, welche dieses Gewerbe mit sich brachte. Modernste Prüfinstrumente und ein reichhaltiges Ersatzteillager erlaubten die schnelle Erledigung der Reparaturaufträge. Der Inhaber, Alwyn Schnyder, berichtete bei der Einweihungsfeier von den Fortschritten der Radio- und Tonaufnahmetechnik. Bereits war man soweit, dass nicht nur Töne über weiteste Strecken gesendet werden konnten, auch das Bild „tansportierte“ man in klarer Qualität durch den Aether. Schnyder war voll überzeugt, dass das Fernsehen bald unser Land erobern würde und nebenbei bemerkte er, dass sogar in Grenchen schon 30 Fernsehapparate in Betrieb wären. Uebrigens dürfte es vor allem die Sportfreunde interessieren, dass Radio Schnyder mit Beginn der Fussball-Weltmeisterschaften im Juni 1954 eine grossangelegte Propaganda-Aktion einzuleiten beabsichtigte, nachdem die erste direkte Fernseh-Übertragung des Fussball-Länderspiels Schweiz-Deutschland so tadellos gelungen war. Schnyder versicherte der Presse, dass sein Geschäft demnächst wieder öffentliche Vorführungen veranstalten würde, um das Publikum mit dem Novum Television vertraut zu machen.

1954: Grenchens erstes Take-Away mit Party-Service

Bis 1953 stand ein verfallendes Bauernhaus da, wo sich heute das sechsgeschossige Gebäude des Hotels Krebs in die Höhe streckt. Ein Baukonsortium begann im Sommer 1953 nach den Ideen von Traiteur F. Schmid mit dem Bau des Wohn- und Geschäftshauses mit Comestibles-Geschäft, kleinem Restaurant und Hotel Garni. F. Schmid übernahm das Gebäude an der Bettlachstrasse 29 im Jahre 1954 zu Alleineigentum, ein mutiger Schritt des innovativen Geschäftsmannes. Im Erdgeschoss der neuen Liegenschaft an der Bettlachstrasse 29 befand sich das Comestibles–Geschäft, das kleine Restaurant „Chräbs-Stube“, die Küche und die dazu gehörenden Räume. Wohnungen belegten die mittleren Stockwerke des Baus, während die oberen Geschosse 27 Hotelzimmer enthielten. Von den Hotelzimmern blieben einige für Pensionäre reserviert, standen aber auch Passanten zur Verfügung, da es ja in Grenchen immer noch an Hotelzimmern mangelte. Im Hotelbetrieb verwirklichte man das Hotel-Garni Prinzip. In den Hotel-Preisen inbegriffen war auch die Benützung der Badezimmer und Duschen. Das Schmuckstück des neuen Gebäudes war jedoch das Comestibles-Geschäft, das Fachleute als das modernste Comestibles-Geschäft unseres Landes einstuften. Schmid war gelernter Traiteur und spezialisierte sich auf dem Gebiet der Wild-, Geflügel- und Fischgerichte. Die moderne technische Einrichtung im Laden erlaubte es ihm, mit Spezialitäten aufzuwarten, die bislang in Grenchen kaum zu finden waren. Dem Geschäft war eine Küche angegliedert, wo die im Laden ausgewählten Spezialitäten aus süssen und salzigen Gewässern hergerichtet und gleich im kleinen Restaurant eingenommen werden konnten. Daneben hatte der Kunde sogar die Gelegenheit, seine Fische im Laden auszuwählen und diese innert zwei Minuten fertig gebacken mitzunehmen. Wer nicht die Zeit hatte, seinen Gästen zu Hause mit einem grossen Menu aufzuwarten, liess sich nun dasselbe fixfertig vom Comestibles-Geschäft Schmid zu jeder Tages- oder Nachtzeit nach Hause servieren. Das assortierte Weinsortiment vollendete das köstliche Angebot. Vermutlich war das Betriebskonzept Schmids doch etwas zu modern für die damalige Zeit, denn schon nach ganz wenigen Jahren kam es zu Einschränkungen und Aenderungen im Angebot. Doch der Name Krebs, das Hotel und das Restaurant blieben, gelten heute noch als erste Adresse in Grenchen.

Einmal mehr, Grenchen ganz vorne!

Am 30. Juli 1955 nahmen die Gebrüder Luterbacher die erste zentrale Tiefkühlanlage im Luterbacherhof Grenchen in Betrieb. Grenchen war die erste Schweizer Stadt, die eine solche Anlage vorzuweisen hatte. Die Presse berichtete wie folgt über das Ereignis: „Das System der Tiefkühlung darf als ein technischer Fortschritt bezeichnet werden, welcher die Kinderschuhe abgestossen hat und in das Stadium des Allgemeingutes treten kann. Längst beschäftigen sich Fachleute mit der Tiefkühlung und längst profitiert die Bevölkerung davon. Eine solche Anlage im privaten Haushalt zu besitzen ist jedoch unrentabel und dürfte nur in wenigen Fällen in Frage kommen. Dagegen sind alle Anzeichen vorhanden, dass sich eine solche Anlage auf der Gemeinschafts-Basis – sei es für Private oder Geschäftsleute – durchsetzen wird, da sie den Benützern wesentliche Vorteile zu bieten hat, an die man sich betimmt sehr rasch gewöhnen wird.“ Die Anlage im Luterbacherhof bot einen Gesamtraum von 66 m3 mit insgesamt 391 Tiefkühlboxen zu 100, 150, 200, 250,300, 350, 400, 500 usw. bis 1'000 Liter. Die Boxen kosteten pro 100 Liter Inhalt zwischen Fr. 26.50 bis Fr. 30.- Jahresmiete. Es waren vor allem die Besitzer von Gemüse- und Beerengärten, die in der Tiefkühlanlage im Luterbacherhof ein Kühlfach mieteten. Das waren in Grenchen nicht wenige und die Vorteile der Tiefkühlung als Konservierungsverfahren lagen eh auf der Hand. Luterbachers Kühlanlage blieb nicht lange die einzige in Grenchen. Doch es ist bekannt, etwa 15 Jahre später begann der Siegeszug der Tiefkühltruhen und Tiefkühlschränke. Eine Entwicklung, die den öffentlichen Tiefkühlanlagen bestimmt zu schaffen machte.

1949: Der modernste Bahnhof unseres Landes

Unter dem Beisein überregionaler Prominenz feierte Grenchen am 7. November 1949 die Eröffnung des neuen Bahnhofs Grenchen-Süd. Ammann Adolf Furrer berichtete in seiner Ansprache über die im Jahre 1944 erstmals aufgenommenen Verhandlungen mit dem Eidgenössischen Departement und über den im Jahre 1947 begonnenen Bahnhofsneubau nach Plänen des Architekten und Bauleiters Alfred Ramseyer. Nach Adolf Furrer hielt Landammann Otto Stampfli eine Ansprache und gratulierte Grenchen im Namen der Solothurner Regierung zum neuen Bahnhof, der ohne finanzielle Hilfe des Kantons entstanden war. Stampfli sprach von den weiteren Entwicklungsmöglichkeiten des Verkehrs. Nebst dem neuen Bahnhof soll der Flugplatz bald zum ersten schweizerischen Regionalflugplatz ernannt werden. Ferner erhalte Grenchen bald eine ausgebaute Hauptstrasse, während die Schiffbarmachung der Aare immer noch ein weiteres Ziel darstelle. Als Vertreter der einheimischen Industrie ergriff selbst Adolf Schild das Wort, eine Seltenheit bei öffentlichen Anlässen, und gab seiner Freude Ausdruck über die politische Aufgeschlossenheit der Grenchner. Auch SBB Kreisdirektor Walter Wachs lobte das gelungene Werk und hob besonders hervor, dass dieses nur zu Stande gekommen sei, weil die aufgeschlossene Stadt Grenchen eine grosszügige Unterstützung gewährte, die den SBB den Bauentschluss stark erleichterte. SBB Kreisdirektor Walter Wachs erwähnte im Verlaufe eines Gesprächs, dass Grenchen heute in den Besitz des modernsten Bahnhofs des Landes gekommen wäre.

Bezirkslehrer Walter Leuenberger war bekannt als Schmied eleganter Verse. Er reimte für die Bahnhofsweihe einen humorvollen historischen Rückblick, an der Feier vorgetragen von Hedy Eltschinger. Hier ein paar Strophen daraus:

Und so ischs cho: fasch über Nacht
Het Gränche sich do füre g’macht.
D’Fabrik hei’s Buurehus verdrängt.
Jo, d’Gänchner, die heis dürezwängt:
Ne Industrie-Ort isch es worde,
Und eine vo der beschte Sorte.
Betrieb hets gä und viel Verchehr.
Am Obe isch nes ganzes Heer
Uhremacher uf e Bahnhof gange,
Um dört ufs Heiwärtszügli z’plange.
Der Ort isch worde gross und prächtig,
Derfür der Bahnhof chly und schmächtig.
Er het die Lüt nümm chönne fasse,
Was für nes G’stürm gäng a der Kasse!
Doch plötzlig isch der Schuss do uuse

s het au am Bund jetz afo gruuse
Wo B’richt cho isch,

s sig fasch zum Schäme,
Der Bahnhof Süd ghei öppe zäme!
Doch Solothurn - ´s Regierigshuus,
Het gseit: „Do hei mir d’Finger druus,
Die Gränchner, frücher armi Buure,
Die schwelge jetz i Konjunkture,
Die hei jetz Gäld fasch me as gnue,
Drum tüe mir üsi Kasse zue!“
D’Gmein het do greckt i ihri Kasse,
Ne Schübel gnoh vo ihrer Masse.
Si het sich eifach nit lo foppe,
Het sälber hälfe s’Loch verschoppe.

Der Orchesterverein Grenchen unter der Leitung von Direktor Karl Bock spielte auf. Musikdirektor Ernst Märki trat als Solosänger auf und trug einige seiner Solothurner Lieder vor – auch die musikalische Umrahmung der Feier hatte Niveau und das Publikum dankte mit grossem Beifall. Mit Symbolkraft steht zum Auftakt der 50er Jahre die Einweihung des neuen Bahnhofs Grenchen-Süd. Ein weiterer Ausweis für die Eigenständigkeit der weltoffenen Uhrenstadt.

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