Grippeepidemie von 1918

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Die internationale Verbreitung[Bearbeiten]

Die Grippeepidemie[1] der Jahre 1918 und 1919 gilt als eine der bösartigsten Epidemien überhaupt. Sie breitete sich pandemisch über die ganze Erde aus. Laut verschiedenen Schätzungen soll diese Grippewelle weltweit 25 bis 50 Mio. Menschenleben gekostet haben.

Man spricht heute noch von der "Spanischen Grippe"[2]. Diese Bezeichnung setzte sich durch, nicht etwa weil die Krankheit in Spanien ausgebrochen wäre, sondern weil Spanien damals ein neutraler Staat war und im Gegensatz zu den kriegführenden Nationen keine Pressezensur kannte. So wurde dort die Oeffentlichkeit erstmals ausführlich über das Ausmass der Seuche orientiert. Daraus erklärt sich wahrscheinlich die Herkunft der Bezeichnung "Spanische Grippe".

Vermutlich brachten chinesische Arbeiter die Grippe in die USA. Von dort verschleppte die US Army im 1. Weltkrieg das Virus nach Europa, wo die Armeen der Entente zuerst infiziert wurden. Auch in Deutschland erkrankten zuerst die Soldaten der Reichswehr. Etwas später breitete sich die Seuche hauptsächlich in den grösseren Städten und deren Agglomerationen aus.

Die Situation in der Schweiz[Bearbeiten]

Opfer und Verlauf[Bearbeiten]

In der Schweiz begann die Epidemie im Juli 1918, schien sich jedoch schon im August wieder zu legen. Im Oktober 1918 brach die Seuche erneut aus und erreichte von Oktober bis Dezember 1918 ihren Höhepunkt. Erst im Frühjahr 1919 ging die Grippeepidemie zu Ende. In der Schweiz fielen dieser bösartigen Grippe fast 25000 Menschen zum Opfer. Es erkrankten damals lt. Statistik etwa 744000 Menschen an der Grippe. Nicht eingerechnet sind die Kranken, die keine ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen.

Die Epidemie und die Politik[Bearbeiten]

In der Schweiz löste die Epidemie auch auf der politischen Ebene einige Turbulenzen aus.

Der von Kantonen und Gemeinden unter Druck geratene Bundesrat rang sich zu einem dringlichen Bundesratsbeschluss durch, der die Kantone und Gemeinden ermächtigte, öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte, Feste, Schaustellungen und ähnliches während der Dauer der Epidemie zu untersagen. Diese neue gesetzliche Handhabe setzten die Kantone sofort und ziemlich rigoros um.

In der Schweizer Armee versagte der Sanitätsdienst bzw. die Organisation rund um die Betreuung und Versorgung der Kranken vollständig. So kam es vor, dass an Grippe erkrankte Soldaten ohne Pflege, ohne Betreuung tagelang auf dem Boden enger Räume auf einer dünnen Strohunterlage liegen mussten. Eltern erfuhren vom Tode ihrer Söhne ohne vorher je benachrichtigt worden zu sein, dass diese im Aktivdienst erkrankt waren

Während der ersten Grippewelle im Juli 1918 starben im Aktivdienst der Schweizer Armee etwas mehr als 500 Soldaten. Während der stärkeren Phase, im November/Dezember 1918, waren mehr als 1'000 Soldaten zu beklagen. Insgesamt starben im Aktivdienst und Ordnungsdienst 1918/ 19 etwa 1800 Soldaten. Rund die Hälfte von ihnen, also etwa 900, fielen der Grippe während des Odnungsdienstes 1918 zum Opfer (Proteststreik/Landesstreik).

Die linke wie auch die bürgerliche Presse verlangten als Reaktion auf die desolaten Zustände im Sanitätsdienst der Armee schon im Juli 1918 den Rücktritt des Armeeoberfeldarztes Oberst Karl Hauser. Nach längerem Geplänkel wurde eine Kommission zur Untersuchung der Militärsanität eingesetzt. Diese stellte in ihrem Bericht fest (24. Januar 1919): "Es ist unmöglich, für die zutage getretenen Fehler und Unzulänglichkeiten nur eine Persönlichkeit verantwortlich zu machen." Die Konsequenz der Untersuchung müsse vor allem darin bestehen, das Verständnis für die Wichtigkeit des Sanitätswesens zu fördern. Praktische Vorschläge zur Verbesserung der herrschenden Situation bei der Armeesanität enthielt der Bericht nur wenige:

  • besseres Unterkunftssystem mit besseren Krankenzimmern (Betten)
  • bessere Organisation des Krankentransports
  • Beschaffung von transportablen Baracken für Unterkunft oder Feldspitäler
  • Reform des Militärversicherungswesens

Die Beratung des Berichts durch den Bundesrat wurde bis zum 24. März 1919 hinausgeschoben. Der Bundesrat stimmte den Schlussfolgerungen der Kommission zu.

Nur noch mit geringem Interesse verfolgte die Oeffentlichkeit die parlamentarische Behandlung des Berichts im September 1919. Der Nationalrat konnte sich bloss noch zu einem 'vom Bericht Kenntnis genommen' durchringen. Im Unterschied zur grossen Kammer stimmte der Ständerat in einem Punkte der Untersuchungskommission zu: "Das ganze Volk und auch die Räte haben in der Tat nicht das volle Verständnis für diese Seite des Militärs aufgebracht. Die Kommission glaubt, in Ziffer 2 ihres Antrages das Bedauern über die vorgekommenen Fehler aussprechen zu sollen."

Die Behandlung des Kommissionsberichts durch den Ständerat bildete den Abschluss der politischen Auseinandersetzungen um die Missstände im Sanitätsdienst der Armee.

Die rund 1'800 Toten der Armee verkörpern rund 7% der gesamten Grippeopfer in der Schweiz. Es ist beachtlich, dass sich die politische Kampagne hauptsächlich um diese Minderheit drehte und von den verbleibenden 93% kaum gesprochen wurde. Auswertungen belegen auch, dass die hohe Sterblichkeit bei den Ordnungstruppen aufgrund der Alterstruktur der Soldaten (Männer zwischen 20 und 32 Jahren) und angesichts der Resultate, welche die Untersuchung der altersspezifischen Mortalität ergeben hat, keine Ueberraschung ist. Damit verliert die Diskussion um die Schuldfrage einiges an Brisanz. Sonderegger wagt in seiner Arbeit sogar die Aussage: "Ueberspitzt ausgedrückt kann gar behauptet werden, dass ein nicht geringer Teil der Einberufenen auch ohne Marschbefehl der Epidemie zum Opfer gefallen wäre."

Grippeepidemie und Landesstreik 1918[Bearbeiten]

Am Rande der Aktionen seitens der Arbeiterschaft und der Regierung stellte man stark politisch gefärbte Ueberlegungen an zur Grippeepidemie. Arge Polemiken erschienen in der Presse. Es wurde versucht, den 'Rädelsführern' des Generalstreiks die Verantwortung für die an Grippe verstorbenen Soldaten zuzuschieben. Die Arbeiterorganisationen wiederum beschuldigten Regierung und Armeeführung, mit dem unverhältnismässigen Truppenaufgebot die Erkrankungsrisiken verantwortungslos zu ignorieren. Die folgenden Textauszüge mögen das Stimmungsbild wiedergeben:

Auf die Forderung von General Wille, auf den 1. November 1918 ein sofortiges Truppenaufgebot (Zürich) zu bestellen, entgegnete Bundesrat Decoppet:

"Ein Aufgebot könnte provozierend wirken und es müsste riskiert werden, dass wegen der Grippe Dienstverweigerungen eintreten. Wenn bestimmte Tatsachen vorliegen – heute sind es nur Gerüchte – darf ein Aufgebot nicht erfolgen, da der Schaden grösser wäre als der Nutzen."

General Wille in seinem 'Memorial des Generals' von 1918:

"Der andere Grund ist die Grippe-Epidemie. Das gesamte Volk werde nicht begreifen, dass man jetzt mehr Truppen einberufe, als für den Grenzschutz nötig ist ... Ich weiss sehr wohl, welche Macht in der Demokratie die öffentliche Meinung hat; niemals werde ich sie brüskieren, sondern mich ihr immer unterziehen, wo ich darf. Aber in einer Lage wie jetzt darf man es nicht; das Heil des Vaterlandes steht auf dem Spiel! Pflicht ist es, wenn dies auf dem Spiel steht, sich von dem Denken und Empfinden der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen zu lassen. ... so trage ich ganz allein die Verantwortung. Ich bin bereit, sie zu tragen."

Das Oltener Aktionskomitee in seiner Proklamation für den Proteststreik vom 9. November 1918:

"In einem Augenblick, da unsere Bewegung in einem Ruhestadium sich befand, hat der Bundesrat die Arbeiterschaft mit einem Truppenaufgebot überrascht. Trotz der Grippe, die im Interesse der Volksgesundheit eine restlose Demobilisation heischte, sind Zehntausende von Schweizer Soldaten aufgeboten worden" ... "was angesichts der Umstände ein eigentliches Verbrechen darstelle."

Im Berner Tagblatt vom 25. November 1918 lesen wir:

"Tagtäglich sieht man nun in Bern, namentlich im Breitenrainquartier und anderwärts, dieses ergreifende Schauspiel, da junge Menschen in der Blüte ihres Lebens als Opfer ihrer Pflichterfüllung dem Grabe zugeführt werden. Laut und energisch verlangt das Schweizervolk, dass die Anstifter dieses Landesunglücks zur Verantwortung gezogen und streng bestraft werden ... Können die Herren Grimm, Düby, Woker und Konsorten noch ruhig schlafen, tönt ihnen nicht Tag und Nacht der dumpfe Trommelklang in den Ohren, der die Opfer ihres Terrorismus zur Letzten Ruhestätte geleitet und weckt ihr Gewissen auf?"

Darauf die Berner Tagwacht vom 26. November 1918:

"Würde es (das Tagblatt) der Wahrheit die Ehre geben, müsste es die Verantwortlichen dort suchen, wo man mitten in der Epidemie und ohne geringste Veranlassung massenhaft Truppen aufbietet, sie in die verseuchten Städte wirft, in Schulhäusern zusammenpfercht und nicht genug damit, bei allem Hundewetter bei Tag und bei Nacht als Handlanger des Kapitals missbraucht, auf der Strasse lagern lässt und dann noch zum Ueberfluss Massenkundgebungen veranstaltet, in Zürich ein Defilee und in Bern bei der grössten Kälte hurrapatriotische Ansprachen auf öffentlichen Plätzen. Da haben wir die Ursachen der ins Riesenhafte gestiegenen Epidemie, da haben wir auch die Verantwortlichen zu suchen."

Die Grippe in Grenchen und im Kanton Solothurn[Bearbeiten]

Im Kanton Solothurn forderte die Grippe von 1918/19 904 Todesopfer. Davon starben allein in den Monaten Oktober bis Dezember 1918 537 Menschen. Die Schulen des Kantons Solothurn wurden vom 17. Juli bis am 19. August 1918 geschlossen. Oeffentliche Anlässe wie Theatervorstellungen und Konzerte waren verboten. Vom 11. Oktober an mussten die Schulen erneut geschlossen werden, sämtliche Vorstellungen aller Art wurden untersagt. Allein der Gesundheitskommission stand die Befugnis zu, die Schulen wieder zu öffnen.
Der Grenchner Gemeinderat sorgte im Dezember 1918 dafür, dass man das Endläuten vorübergehend einstellte. Die Grippekranken würden sich zu sehr aufregen beim Vernehmen der Totenglocke. Der Grenchner Ammann Hermann Guldimann starb im Januar 1919 an den Folgen der Spanischen Grippe.

Werner Strub beschreibt in seinem 'Heimatbuch Grenchen' die Lage in der Uhrenstadt wie folgt:

"Eine Statistik erzeigte in Grenchen täglich 30 bis 50 Neuerkrankungen. Die private Behandlung genügte nicht mehr, die Heranziehung von Pflegepersonal war fast unmöglich, ein Krankenhaus stand nicht zur Verfügung; die Spitäler in unseren grösseren Nachbarorten waren überfüllt. Kein Wunder, wenn Behörden und Aerzte verzweifelnd nach Abhilfe Umschau hielten. Dazu waren die Krankheitserscheinungen neu und der Verlauf der Krankheit bösartig. Die Totenglocke ertönte immer wieder schwer und bang. Die Gemeindebehörde erliess für unsere Ortschaft strenge Verfügungen, um einer Ausbreitung der Infektion zuvorzukommen und die Erkrankung zur Heilung zu bringen. Zwei Grippewellen traten besonders in Erscheinung, die eine im August 1918 und die andere im Oktober, um mit unbeschreiblicher Hartnäckigkeit längere Zeit anzuhalten. Im Juli richtete man im Schulhaus 2 ein Notspital ein, wozu Dienst- und Pflegepersonal gewonnen werden konnte. Die Beschaffung von Spitalmaterial blieb grösstenteils auf die freiwillige Hilfeleistung angewiesen. In der Turnhalle wurde eine Desinfektionsanlage installiert; die Gesundheitskommission, die zur Durchführung der nötigen Massnahmen einen Dreierausschuss bestimmte, erhielt von dem Gemeinderat den nötigen Kredit zur Anschaffung von Spital- und Verpflegungsmaterial | In der zweiten Grippeperiode konnten die Erkrankten in den Räumlichkeiten des Tripolisspitals untergebracht werden. Viel Leid hatte die Grippe über die Ortschaft gebracht: 90 Todesfälle sind zu verzeichnen. Die durchgeführte Statistik ergibt an ärztlich behandelten Erkrankungen vom Juli bis Ende August ca. 1'000 Personen, vom Oktober bis Ende des Jahres ca. 1500. Wenn man des weitern annehmen darf, dass die Hälfte der Erkrankten keine ärztliche Hilfe in Anspruch nahm, so ergibt die Schätzung, dass 60 bis 70 Prozent der Ortsbevölkerung an der Grippe erkrankt waren. Diese verursachte der Gemeinde für das Jahr 1918 eine Ausgabe von Fr. 26'747.-."

Quellen[Bearbeiten]

  • Text von Alfred Fasnacht
  • Sonderegger, Christian: Die Grippeepidemie 1918/19 in der Schweiz. Lizentiatsarbeit: Eingereicht bei Prof. Dr. Chr. Pfister, Historisches Institut, Universität Bern, im Januar 1991. Bern, 1991. 109 Bl., Tab., Fig.
  • Strub, Werner: Heimatbuch Grenchen.- Die vergangenen Jahrhunderte bis in die Gegenwart dargestellt von Werner Strub. Solothurn: Vogt-Schild AG, 1949. 758 S., ill. Grippeepidemie erwähnt S. 211-212

Einzelnachweis[Bearbeiten]

  1. Grippe im Historischen Lexikon der Schweiz
  2. Spanische Grippe auf Wikipedia