Frühmittelalterliche Gräber

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Grab, freigelegt bei der Ausgrabung 2014.

Der frühmittelalterliche Friedhof zwischen Schulstrasse und Schützengasse im Zentrum von Grenchen ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt – zwischen den Jahren 1823 und 1949 waren hier mindestens neunzig Gräber ausgegraben worden. Zur grossen Überraschung kamen bei der archäologischen Untersuchung im Jahr 2014 nicht nur die Spuren der Altgrabungen in Form von fünfzehn ausgeräumten Grabbauten, sondern 47 bislang unberührte Gräber zum Vorschein. Mit ihren gut erhaltenen Grabbauten und Bestattungen – fünfzehn davon mit Beigaben – bereichern die Neuentdeckungen das lückenhafte Wissen um die rund 1’400 Jahre alte Fundstätte.

Alte Gräber – besser erhalten, als erwartet

Dass sich am Kirchrain zwischen Schützengasse und Schulstrasse bis 1400 Jahre alte Gräber befinden, war schon länger bekannt. Bereits im Jahr 1823 waren beim Bau eines Kellers fünf Gräber entdeckt worden. In der Folge machten sich Heimatforscher auf die Suche nach den alten Grabstätten. So führte der Geschichtsforschende Verein Solothurn in den 1860er-Jahren eine Ausgrabung durch. Die Freizeitarchäologen stiessen auf über zwanzig gemauerte oder aus Kalksteinplatten gebaute Gräber, die teilweise Beigaben wie Schwerter, Gürtelschnallen oder Schmuck beinhaltet haben.

Aus den alten Fundmeldungen geht hervor, dass bis 1949 in verschiedenen Grabungen mindestens neunzig Gräber des Friedhofs entdeckt und ausgeräumt worden waren. Leider geschah dies ohne Dokumentation.

Vor der vierwöchigen Untersuchung im Januar/Februar 2014 war nicht bekannt, ob und wie viele Gräber nach den Ausgrabungen des 19. und 20. Jahrhunderts überhaupt noch erhalten waren. Zur grossen Überraschung kamen nicht nur Spuren der Altgrabungen in Form von 15 ausgeräumten Grabbauten, sondern 47 bislang unberührte Gräber zum Vorschein.

Die Bestattungen

Bis auf eine Ausnahme waren alle Gräber gleich orientiert: Der Kopf der Verstorbenen lag stets im Südwesten und die Füsse zeigten nach Nordosten. In den insgesamt sieben Grabreihen traten vier verschiedene Grabtypen auf: Am markantesten sind Mauer- und Steinplattengräber. Andere Gräber besassen längst vergangene Holzeinbauten, die sich nur noch indirekt durch die Steinhinterfüllungen abzeichneten. Grabgruben ohne Steine stammen von reinen Erdgräbern, bei denen der Verstorbene ohne Grabbau in einer einfachen Erdgrube bestattet worden war.

Grabbauten aus Stein dienten wegen ihrer Beständigkeit als über Generationen genutzte Familiengräber. So waren in einer Steinkammer vor der Grablegung eines Kindes mindestens drei Personen beerdigt worden. Die Skelettreste hatte man mit der neuen Bestattung ausgeräumt und im Grab oder auf den Deckplatten deponiert.

Der Friedhof wurde vom 7. wohl bis ins 9. Jahrhundert benutzt.

Beigabensitten der Romanen

15 der 47 neu entdeckten Gräber enthielten Beigaben. Die Ausstattung der Gräber war sehr schlicht und bestand aus dem Waffengurt, Trachtbestandteilen in Form metallener Gürtelbeschläge und einzelnen Schmuckstücken.

Dass in Grenchen nur wenige Gräber Beigaben enthielten, hat einen kulturgeschichtlichen Hintergrund. Im frühmittelalterlichen Grenchen lebten vorwiegend Romanen – die Nachfahren der Gallorömer. Die Romanen verzichteten seit dem 5. Jahrhundert auf Grabbeigaben. Doch als das Schweizer Mittelland um 534 n.Chr. unter die Herrschaft der Franken kam, nahm die Beigabensitte wieder zu. Denn die zugezogenen Franken und Alemannen bestatteten ihre Verstorbenen mit der kompletten Waffen- und Trachtausstattung.

Unter dem germanischen Einfluss nahmen die Romanen die Beigabensitte wieder auf – allerdings in stark reduzierter Form. So erhielten die Romanen, wenn überhaupt, nur eine symbolische Beigabe mit ins Grab.

Die Toten: Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder

Auf dem Gräberfeld sind Skelette und Skelettreste von mindestens 63 Menschen ausgegraben worden. Die Knochen gehören zu 11 Kindern, einem Jugendlichen und 51 erwachsenen Personen. Bei den Erwachsenen liessen sich 7 Skelette als Frauen und 23 als Männer bestimmen. Bei den Skeletten von Kindern ist eine Geschlechtsbestimmung nur selten möglich, da die geschlechtstypischen Merkmale noch nicht ausgebildet sind.

Neugeborene und Säuglinge fehlten auf dem Gräberfeld, obwohl in der damaligen Zeit von einer hohen Kindersterblichkeit auszugehen ist. Vermutlich wurden sie nicht auf diesem Friedhof bestattet, sondern fanden an einem anderen Ort ihre letzte Ruhe. Viele Menschen starben, bevor sie das Alter von 45 Jahren erreicht hatten. Zu den Senioren zählte, wer 50 bis 60 Jahre alt wurde.

In Grenchen betrug die durchschnittliche Körpergrösse bei den Frauen 1,61 Meter und bei den Männern 1,71 Meter. Damit waren die Grenchnerinnen und Grenchner im Vergleich zu anderen frühmittelalterlichen Bevölkerungsgruppen eher gross gewachsen.

Krankheiten und Gebrechen

Zahnteufel: Um die Gesundheit der Zähne stand es im frühmittelalterlichen Grenchen nicht sehr gut. So zeigt sich an vielen Gebissen Karies. In einigen Fällen war der Kariesbefall soweit fortgeschritten, dass der Zahn verfault war. Zahnverlust zu Lebzeiten war denn auch keine Seltenheit.

Weisheitszahn als Indiz für eine Verwandtschaft: Drei Personen, eine 20 bis 30 Jahre alte Frau, ein 30 bis 60 Jahre alter Mann sowie eine 25 bis 39 Jahre alte Person (Geschlecht unbestimmt), wiesen einen sehr kleinen Weisheitszahn mit nur einer Wurzel auf. Solche hypoplastischen Weisheitszähne können vererbbar sein. Waren die drei Personen miteinander verwandt? Für eine Verwandtschaft spricht auch, dass ihre Gräber in unmittelbarer Nähe zueinander lagen.

Folgen einer Entzündung: Bei einem 30- bis 45-jährigen Mann ist die verdickte, aufgeraute und unregelmässige Knochenstruktur am linken Schien- und Wadenbein auf eine Entzündung der Knochenhaut zurückzuführen. Mögliche Ursachen sind beispielsweise eine Entzündung des Knochens im Rahmen von Unterschenkelgeschwüren («offene Beine») oder ein Infekt, der ursprünglich ein anderes Organ befallen und in den Knochen gestreut hat. 6. Grab eines Mannes mit Waffenbeigabe Das Grab eines 40- bis 45-jährigen Mannes war eines von drei Gräbern mit Waffenbeigabe. Der Mann verstarb um 630/640 n.Chr., wie die Datierung der Grabbeigaben zeigt. In der Steinsetzung am Grabrand zeichnete sich der Holzeinbau ab, in dem der Verstorbene bestattet worden war.

Der Mann hatte einen Leibgürtel mit dem daran hängenden Kurzschwert (Sax) und der Gürteltasche mit ins Grab erhalten. Wie die Position der Funde zeigt, war der angezogene Gürtel nach rechts gedreht. Die Gürtelschnalle und der Sax kamen so bei der rechten Hüfte beziehungsweise auf dem rechten Oberschenkel zu liegen. Die Gürteltasche befand sich bei der linken Hüfte. Die Schwertklinge und Teile des Griffes steckten in einer aufwendig verzierten Scheide aus Leder. Die lederne Gürteltasche ist zwar längst vergangen, nicht aber ihr Inhalt: Dieser bestand aus einem multifunktionalen Kleinwerkzeug und etwas Altmetall. Im Weiteren befand sich in der Tasche eine Pfeilspitze aus Feuerstein aus der späten Jungsteinzeit (zirka 3500 bis 2800 v.Chr.). Feuersteine gehören oft zum Inhalt frühmittelalterlicher Taschen: Sie bildeten zusammen mit Feuerstahl und Zündmaterial wie Zunderschwamm das Feuerzeug.

Quellen