Die barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl

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Die barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl im Kinderheim Bachtelen Grenchen 1892 bis 2007.

Ein geschichtlicher Rückblick zur Verabschiedung der Schwesterngemeinschaft am 1.09.2007.

Thesen

Die folgenden Thesen sollen die Ausführungen des Themas gliedern:

  1. In der Geschichte des Kinderheimes gibt es drei einschneidende Phasen, in denen die Tätigkeit der Schwestern die Existenz der Institution garantiert und gerettet hat: Die Phase der Gründung und Übersiedlung nach Grenchen; die Phase der Konsolidierung unter den Direktoren Eugen Schibler und Giuseppe Crivelli; die Phase der Modernisierung nach 1968.
  2. Das Leben der Schwestern und ihr Einsatz wurden von drei wesentlichen Grundhaltungen bestimmt: Gottvertrauen, gelebte Armut, Gehorsam.
  3. Die Realisierung der Ideen des Gründers des Vereins der St. Josef Anstalten und der Bestand des Kinderheims Bachtelen bis heute verdankt sich den armherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz von Ingenbohl.

Zur These 1

In der Geschichte des Kinderheimes gibt es drei einschneidende Phasen, in denen die Tätigkeit der Schwestern die Existenz der Institution garantiert und gerettet hat.

Die Phase der Gründung und Übersiedlung nach Grenchen

Es war im Sommer 1891. Otto Widmer, Pfarrer von Gretzenbach und Josef Jeker, Pfarrer in Olten machten sich auf den Weg nach Ingenbohl. Vorausgegangen waren Gespräche mit den Pfarrherren des Niederamtes. Otto Widmer erkannte, dass in seiner Pfarrei die Kranken vernachlässigt und schlecht gepflegt wurden. Noch mehr aber bedrückte ihn das Los vieler Kinder, die der Verwahrlosung oder Ausbeutung anheim fielen, die oft das Elend arbeitsloser und trunksüchtiger Eltern erlebten und früh durch Kinderarbeit ausgenützt wurden. Ein Heim wollte er für sie gründen. Die soziale Frage, die sich durch die Industrialisierung mit Vehemenz der Zeit stellte, und die Möglichkeit für die Kirche durch Diakonie karitativ tätig zu werden in einer noch immer schwierigen Situation nach dem Kulturkampf und der Abspaltung der Altkatholiken 1870 nach der Unfehlbarkeiserklärung des Papstes, hatte die Priester für neue Aufgaben sensibilisiert. Man begrüsste die Initiative von Widmer und wollte ihn unterstützen. Dank einer Schenkung wurde in Däniken nahe einer Kapelle ein altes Bauernhaus gefunden, das dem Zweck als Beginn dienen konnte, doch war allen klar, das Projekt konnte nur verwirklicht werden, wenn sich eine Kongregation von Schwestern unentgeltlich mitbeteiligte. So war die Reise nach Ingenbohl wohl ebenso mit Gedanken der Unsicherheit wie der Hoffnung verbunden. Wie würde die Generaloberin die Bitte aufnehmen, konnten die Schwestern für das Werk gewonnen werden? In der Chronik der Schwestern wird später rapportiert:

„In grösster Bereitwilligkeit und Freude sagte sie (Frau Mutter Pankratia Widmer[1] ) sofort zu, auf anfangs Oktober zwei ehrwürdige Schwestern nach Däniken zu schicken, vorläufig zur Krankenpflege“.

Das war für Otto Widmer die wundervolle Bestätigung seiner Absichten. Sofort wurden Statuten ausgearbeitet. Doch der wichtigste Gönner, Urs Schenker, der seine Liegenschaft schenken wollte, bereute sein Versprechen und zog sich zurück. Mit viel Zureden gelang es Widmer, ihn umstimmen, die Ankunft der Schwestern verzögerte sich. Am 14. Dezember erfolgte die Gründung des Vereins der St. Josefsanstalt und am 27.12. der Eintrag in das Handelsregister. Ein Comité mit Widmer als Vorsitzender, 5 weitern Pfarrherren und 4 Laien übernahm die Verantwortung. Gleichzeitig wurde ein Hilfsverein zur finanziellen Unterstützung des Werkes durch die katholischen Pfarreien gegründet, nachdem Bischof Leonhard Haas die dazu nötigen Statuten genehmigt hatte. Am 17. Januar war es dann soweit. Schwester Baldomena und Schwester Philomena als Oberin bezogen das alte Strohhaus, das in einem verlotterten Zustand war und das von Widmer den sinnigen Namen ‚Neu-Bethlehem’ erhielt. Der Gedanke, dass Jesus in einem Stall geboren, sollte, wie er der Frau Mutter schrieb, ein Trost sein für die Schwestern. Widmer beauftragte den Aktuar und liess die zwei Schwestern erst in der Dunkelheit des Abends in das Haus eintreten. In der Chronik wird festgehalten:

„Wahrscheinlich popperte es ihm, dieselben bei Tageshelle, dies zu tun, aus Angst, die beiden Schwestern könnten beim Anblick ihres neuen Heims wieder ganze Wendung, Kehrt machen, Reissaus nehmen“.

Schwester Philomena blieb drei Monate, dann wurde sie als Oberin in das grosse kantonale Asyl in Wil SG versetzt. In der kurzen Zeit hatte sie die Aufgabe, in der Pfarrei selbständig die Krankenpflege Aufzubauen und zu organisieren.

„Die Wirksamkeit der Schwestern dehnte sich immer mehr aus, und der Segen Gottes ruhte sichtbar auf diesem, unter vielen Opfern ins Leben gerufenen Werk christlicher Nächstenliebe“.

Im April des gleichen Jahres 1892 stellten die Erben von A. Glutz, dessen Sohn Fritz Mitglied des Comités war, ihr Elternwohnhaus in Rickenbach bei Olten dem Verein geschenkweise zur Verfügung. Man beschloss darin ein Kinderasyl einzurichten und schon am 17. Mai übersiedelte Schwester Baldomena als Oberin mit einer Kandidatin und drei Kindern in das Haus, das den Namen Sankt Lorenz erhielt. Ende Jahr waren es 12 Kinder. Und wieder war die Oberin auf sich allein angewiesen, um das Haus einzurichten und den täglichen Ablauf mit der Besorgung der Kinder, der Küche, der Wäsche, der verschiedenen Kontakte mit Eltern und Behörden aufzubauen. Genau ein Jahr nach der Gründung, konnte in Dänken ein weiteres Haus gekauft und darin eine bessere Wohnung für die Schwestern eingerichtet werden. Das war nun ‚Neu Nazareth’. Im Sommer, im zweiten Jahr der Gründung schenkte Frau Elisabeth Hänggi-Hänggi vom Bleichenberg dem Verein ihr Elternhaus in Nunnigen. Ingenbohl zögerte nicht und schickte am 16. Oktober eine Oberin und eine Kandidatin für die weitere, Marienhaus genannte Niederlassung. Zögerlicher verhielten sich die Mitglieder des Comités, denen die schnelle Ausdehnung des Werkes nicht geheuer war.

„Auch bei dieser Anstalt, das heisst betreff der Schenkung, hatten wieder einige im Comité Bedenken dasselbe anzunehmen; lange nachher sprachen sie noch davon, man müsse gewiss das Marienhaus noch abhängen. Der hochw. Herr Pfarrer Widmer, der sein Gottvertrauen nicht sinken liess, auch in den ärgsten Stürmen, schrieb jene Zeit betreff dieses Punktes: Hoffentlich kommts nie dazu, die 11 Mann im Comité müssten sich ja vor der Frau Mutter in Ingenbohl schämen, die hunderte von Anstalten leitet“.

Otto Widmer, beflügelt vom bisherigen Erfolg, war wenig beeindruckt von den Sorgen, die sich das Comité machte. Ein Jahr später, 1894, wurde mit drei Kinder in Däniken die St. Josefanstalt eröffnet und Ingenbohl schickte eine weitere Schwester. Damit die Kinder eine gute Schulung erhielten, richtete er ein Gesuch für eine anstaltseigene Schule an den Regierungsrat des Kantons. Dies wurde bewilligt und gleich begann der Aushub für ein Schulgebäude in Däniken. Am 20. Oktober 1896 begann die Schule mit 28 Kindern, darunter auch die schulpflichtigen von Rickenbach, die nach Däniken umzogen, und einer weltlichen Lehrerin mit solothurnischem Lehrerpatent, wie die Regierung es gegen den Willen Widmer’s, der sich auch Schwestern für den Schuldienst gewünscht hatte, verlangte. Einen Monat später errichtete Widmer auch in Olten eine Hauskrankenpflegestation und wenig später eine in Balsthal. Zwei Krankenschwestern verliessen Däniken und zogen nach Olten und Ingenbohl schickte eine weitere Kinderschwester.

Das erstaunlich schnelle Wachstum der Werke des Vereins der St. Josefs Anstalten weckte nicht nur beim Comité Bedenken, es bewirkte auch Ängste bei Politikern und schaffte Neider und Feinde. Angriffsmöglichkeiten gab es genügend. Am 15. August 1898 desertieren zwei Mädchen von Däniken. Die Presse wurde eingeschaltet. In den Aargauer Nachrichten, im Oltner Tagblatt und im Zofinger Tagblatt erschienen Anschuldigungen gegen die Anstaltsführung von Rickenbach und Däniken: Die Kinder hätten Kopf-und Gewandläuse, sie würden schlecht ernährt und bei Vergehen hart bestraft. Beispiele erschreckten die Leser: Bettnässer mussten auf dem Hafen sitzend das Essen einnehmen, Mädchen hatten in der Nacht barfuss in der Kapelle als Strafe zu beten, Knaben erhielten auf das nackte Gesäss Stockhiebe. Das Oltner Tagblatt rief nach Aufhebung der Anstalt und Schule. Däniken’s Radikale äusserten die Hoffnung, die Anstalt als Schule kaufen zu können.

„Das Comité beschliesst dagegen Protest einzuwenden und so entwickelt sich ein Strafprozess, bei dem es schien als ob die Hölle ihre ganze Wut gegen die Anstalt und die Schwestern auslassen wollte. Sogar bis nach Böhmen und Schlesien drang die Kunde von der angeblich schlechten Behandlung der Kinder“.

Der Verein veröffentlichte Klarstellungen in den Zeitungen. Nur in seltenen Fällen von grobem Ungehorsam, Diebstahl, Lügenhaftigkeit sei mit der Rute, auch mit Arrest bestraft worden, doch nie mit Stockschlägen. Betreffs Nahrung wurde der Speisezettel veröffentlicht:

„Frühstück: Suppe und Brot, meistens Habersuppe mit Milch. Um 9 Uhr: Brot oder Obst. Schwächliche Kinder Milch und Brot. Mittagessen: Suppe, Mehlspeise und Gemüse, an Sonntagen Fleisch. Nachmittag: Milch und Brot. Nachtessen: Suppe und Brot oder Gemüse“.

Das Bezirksgericht Aarau wies am 27. Mai 1899 die Klage nach Zeugeneinvernahmen als unbegründet ab und verurteilte den Verein zu den Prozesskosten. Beanstandet wurden Einzelfälle von Prügelstrafen, Nahrungsentzug, Einsperren im Keller und persönlichkeitsverletzende Handlungen. Der Kommentar in der Schwesternchronik ist kurz:

„Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun“.

Das Urteil verunsicherte die Schwestern und ihre Führung wurde massiv erschwert. Im Juni entwichen zwei Knaben nach Olten, wenige Tage später zwei weitere nach Basel. Die Rädelsführer wurden entlassen, doch am 16. Juli entwichen zwei weitere. Eine regierungsrätliche Untersuchung mit Regierungsrat Munzinger persönlich wurde durchgeführt. Die Anstalt und die Schule durften weiterbestehen, doch der Beaufsichtigung durch das Oberamt unterstellt und nur die nachweislich verwahrlosten Kinder konnten künftig die heiminterne Schule besuchen, die andern wurden der öffentlichen Gemeindeschule zugeteilt. Für die Ausscheidung der Kinder war künftig eine staatliche Kommission zuständig. Auch Ingenbohl reagierte. Im Frühjahr 1900 wurde mit Schwester Savina Stocker eine sehr tüchtige Kinderschwester geschickt, die einen bestimmenden Einfluss hatte und später ab 1911 als Oberin eine wichtige Rolle spielte. Bei ihrer Ankunft heisst es in der Chronik:

„Damals sah es in Däniken sehr traurig aus. Die Folgen des unheilvollen Prozesses machten sich immer noch bedenklich fühlbar; der gute Ruf der Schwestern war erschüttert, das Haus liess in jeder Beziehung zu wünschen übrig; denn die Zimmer waren meistens ohne Anstrich und Tapete. Die Kinder hatten keine Kleider, man musste ihnen Geschenktes anziehen, was viel zu gross war und unordentlich aussah. Die Lehrerin Frl. Mina Saner führte so ziemlich das Regiment bei den Kindern“.

Glücklicherweise verabschiedete sich die Lehrerin bald und die Schwestern konnten sich vermehrt wieder durchsetzen.

„Schwester Oberin Alexandra wollte den Schwestern die Ehre wieder verschaffen, die ihnen der Prozess geraubt hat, sie sollten als wahre Erzieherinnen Freud und Leid mit den Kindern teilen. Freilich anfangs ging es schwer; manche Kinder besonders Knaben waren erfinderisch die Kinderschwester Savina zu quälen. Sie wussten, dass dieselbe sich keiner Strafe bedienen durfte. Allein der liebe Gott segnete die vielen Opfer. Mit vereinter Kraft gelang es den Schwestern die Kinder zu gewinnen, sie fühlten sich heimisch und glücklich“.

Pfarrer Widmer liess sich auch durch Misserfolge nicht bremsen. Im Juni 1900 wurde beschlossen, auch in Dornach einen Krankenpflegedienst, einen Kindergarten und eine Erziehungsanstalt zu gründen. Wieder stellte Ingenbohl zwei Schwestern zur Verfügung. Die Eröffnung war am 23. November 1903. In allen Anstalten nahm die Kinderzahl zu, doch überall fehlte es an Geld, das Essen war knapp, die Armut erschreckend. Die Knaben halfen den umliegenden Bauern auf dem Feld. Eine Pflanzung von Weiden brachte zusätzlich etwas Verdienst. Alle grösseren Kinder beteiligten sich beim Schälen der Weiden. 1907 waren es 136'000 Stück. 2500 Korbweiden wurden zusätzlich gepflanzt. Und trotz der Not wurde 1912 in Wangen b. Olten eine weitere Liegenschaft gekauft und Sankt Lorenz in Rickenbach nach Wangen verlegt. Nun war auch die Josefskapelle in Däniken für die Anstalt zu klein geworden. Widmer wollte sie vergrössern.

„Am 12. September (1913) war Versammlung wegen Kapellenkauf, allein die Gemeinde ist uns nicht günstig gesinnt. Das Ansuchen das Hochw. Herr Präsident Widmer um Vergrösserung der Kapelle, schlug sie rundweg ab, obwohl besagter Hochw. Herr Fr 2000.-an die Kosten bezahlen wollte. Zuletzt bot Hochw. Herr Präsident Widmer Fr 4000.-für den Ankauf, auch dieses Angebot wurde rundweg abgewiesen“.

Die Ablehnung des Gesuchs verweist auf die zunehmenden Schwierigkeiten, die dem Werk begegneten. In Dornach gab es einen Prozess gegen eine Schwester. Das Haus erwies sich als baufällig. Auch in Nunnigen mehrten sich die baulichen Probleme. Da kam der Hinweis von Pfarrer Niggli von Grenchen, dass das Bachtelenbad günstig zu kaufen sei, wie ein Fingerzeig Gottes. Pfarrer Widmer reiste am 28. Juli 1915 nach Grenchen, um die Sache anzuschauen.
Zurückgekehrt war er voll des Lobes und wünschte, dass die Oberin sobald als möglich sich das Haus auch ansehen sollte, was sie denn zwei Tage später auch tat. Sie war weniger begeistert und bat die Frau Mutter Aniceta Regli [2] um einen Augenschein. Gemeinsam reisten sie am 25. August zur Besichtigung. Darüber berichtet die Chronik wie folgt:

Das Haus machte auf die löbl. Schwester Oberin keinen guten Eindruck; denn alles war verlottert und in den Räumlichkeiten feuchte und schlechte Luft. Fast nirgends war Licht und das Haus barg lauter kleine Schlafzimmer. Kein Wunder, wenn schon die löbl. wohlehrwürdigen Obern abrieten. Man kann denken, wie es der Oberin Savina zu Mute war, denn der Kauf ist schon so weit fortgeschritten. Einerseits war es ihr ernst: Ich will lieber 2 Jahre noch in Däniken bleiben als die schreckliche Arbeit mit dem Umzug haben“.

Die Frau Mutter war zuversichtlicher. Sie rechnete mit 60'000 Franken Kosten für Anpassungen. Wenn das dem Präsidenten nicht zu hoch sei, wäre sie dafür. Als Bedingung verlangte sie: 1. Zentralheizung, 2. Elektrisches Licht, 3. die Wände zwischen den Zimmern so durchbrechen, dass es grosse Säle gebe. 5 Tage später war die Oberin wieder in Grenchen, um die Zimmer auszumessen.

„Herr Präsident hat nicht viel Zeit, sich um die Anstalt besonders zu kümmern einerseits, und anderseits ist das für die Kinder geleistete Kostgeld viel zu wenig. So steht eine Oberin allein da zu kümmern und zu sorgen. Wenn der Herr Präsident mit nach Grenchen geht und keine Pfarrei mehr unter sich hat, so findet er auch Zeit sich um das Wohl der Anstalt zu kümmern...Für den Zufluss wird er schon sorgen, er, der den lieben Gott zum Bankier und den heiligen Josef zum Kassier hat“.

Am 15. September 1915 wurde der Kaufakt unterzeichnet. In Grenchen aber ging es nicht vorwärts. Mit Brief vom 13. September an Pfarrer Widmer warnte die Frau Mutter:

„Wir zählen bestimmt darauf, dass die nötigen Umbauten und Verbesserungen fix und fertig gestellt werden, bevor man mit den Kindern einzieht... Wir könnten wirklich nicht gestatten, das Haus zu bewohnen, bevor es hergerichtet ist“.

Doch wer sollte die Umbauten überwachen ? 16 mal reiste die Oberin von Däniken nach Grenchen, um die Unternehmer anzuspornen und zu kontrollieren.

„Kein Mensch kümmert sich in Grenchen um die Bauerei. Oberin bekümmert und Widmer keine Zeit.... Wenn Oberin etwas anordnet, tut sicher Herr Pfarrer Niggli (von Grenchen) alles durch, so hängt alles in der Luft“.

Die Angst vor einem Fiasko ist gross. Die Schwestern haben Mühe mit Neu-St Josef .

„Es wurde schon lange alle Tage gebetet, damit der Wille Gottes geschehe. Damit geben wir uns zufrieden und fügen uns in Gottes Namen. Vielleicht kommts besser heraus als man glaubt“.

Auch die Mitglieder des Comités trauen der Sache nicht mehr. Sie demissionieren.

„Jetzt stehen wir bald ohne Mitglieder da. Wie wird das noch kommen“.

Die Probleme nahmen ein fast unerträgliches Ausmass an. Der Winter setzte ein. In Nunnigen konnte man nicht mehr heizen und Grenchen war nicht bezugsbereit. In der Not zogen die Kinder unter 5 Jahren mit den zuständigen Schwestern trotzdem ins Bachtelenbad. Die andern kamen nach Däniken, das selbst schon überfüllt war. Auch Dornach wusste nicht wie weiter und drängte für den Umzug nach Grenchen. In Däniken aber ging das Geld aus.

„Wir sind in grosser Not. Die Kartoffel und alle Gemüse schwinden, alles ist so teuer. Wir haben so viel Gratiskinder und unsere Comitéherren bekümmern sich um nichts. Wie wird es noch kommen in dieser schweren Zeit ! -Es läutet: Gemeinde Rotacker steht mit einem Wagen Gemüse vor dem Haus. Gott sei Dank! Der liebe Gott verlässt uns halt doch nicht“.

Am 15. Februar 1916 kam die Erlaubnis der Frau Mutter von Ingenbohl, dass die Schwestern mit den Kindern zügeln durften. Am 23. vormittags verreisten die Schwestern von Däniken mit 80 Kindern und Pfarrer Widmer nach Grenchen. Am 1. März folgten 13 Kleinkinder aus Dornach, am 10. März die restlichen Kinder. Am 5. Juni wurde beschlossen, auch Wangen nach Grenchen zu verlegen. Das Bedürfnis nach Heimplätzen war gross. Ein Jahr später bei einer Visitation durch die Frau Mutter von Ingenbohl wurden 260 Kinder von 14 Schwestern betreut. Unvermindert begleitete aber auch die Not die grosse Gemeinschaft.

„Vom 9.-11. November hatten wir gar keine Kohle im Haus. Mit dem Holz allein verbrennen gibt es keine Hitze. Die beiden Küchenschwestern finden sich bereit durchzunächteln, damit die Tagesverpflegung betreffs dem Essen durchgeführt werden kann“.

Drei Monate später, im Februar, fehlte es auch an Nahrung

„Das hl. Herz Jesu und der hl. Josef werden bestürmt, um Nahrung zu verschaffen. Der ganze Vorrat reicht nur noch für zwei Tage und es sind bereits 300 Personen hier. Herr Direktor und löbl. Schwester Oberin bieten alles auf, um die Anstalt mit Lebensmitteln zu versehen“.
„Bis Lebensmittel ankommen, müssen sich die Kinder mit Brot und Kakao begnügen. Die 225 gr Brot müssen in vier Teile geteilt werden und morgens, mittags, nachmittags und abends je einen Teil verabreicht. Jedoch bekommen sie guten und genügend Kakao“.

Erst am 19. April trafen Lebensmittel ein.

„Trotzdem die Kinder in letzter Zeit wenig Abwechslung in Nahrung hatten und dazu noch ein kleines Quantum, so haben wir dennoch selten ein krankes Kind und die Leute, die ins Haus kommen, verwundern sich nur an dem gesunden frischen Aussehen der Kinder“.

Es braucht wohl keine weitern Ausführungen, um darzustellen, dass nur Schwestern die ungeheute Last der Verantwortung bei allen den erwähnen Schwierigkeiten durchtragen konnten. Dennoch schaut Schwester Savinia, die 19 Jahre lang den Aufbau begleitet und 9 Jahre als Oberin die Hauptverantwortung trug mit Dank zurück.

„Viel Freude und Leid teilte ich im Kreise meiner Mitschwestern. Gottes Segen waltete stets sichtbar über uns! Seine allmächtige Vaterhand leitete alles wunderbar. Mit grossen Freuden blicke ich zurück auf die Vergangenheit, in der uns so grosse Gnaden zuteil wurden. – Voll Zuversicht blicke ich vorwärts in die Zukunft, in der festen Hoffnung, dass das begonnene Werk seinen gewünschten Fortgang findet, das ein heiligmässiger Priester nach seinem Ideal gegründet“.

Die Hochschätzung die Otto Widmer von den 17 Schwestern erfährt, hindert sie jedoch nicht, die Wirklichkeit nüchtern zu analysieren. Trotz grösster Armut nimmt Widmer 50 Ferienkinder aus den kriegsversehrten Ländern auf. Aufnahme finden auch einige gestrandete schwierige Erwachsene. Die Unzufriedenheit wächst. Grosse Knaben reissen aus. Mehrere Kleinkinder sterben an Krankheiten. Viele Kinder werden unentgeltlich verpflegt. 1928 sind 10'000 Fr für Kostgelder ausstehend und die Schulden sind auf 60'000 Fr angeschwollen. Die Schwestern beklagen sich öfter in Ingenbohl. Die Generalrätin Schwester Hedwig Fräfel[3] wird geschickt und handelt gegen den Willen des Direktors.

„Allererstens ging nun wohlehrw. Schwester Hedwig daran, besagte Leute (die durch ihren zweifelhaften Wandel geradezu eine Gefahr für die Kinder wurden) aus dem Haus zu schaffen. Hochw. Herr Direktor Widmer mit seinem guten Herzen konnte es nicht begreifen... und nur sehr ungern liess er es geschehen, dass die gefährlichen Elemente aus dem Anstaltsbetriebe ausgeschaltet wurden“.

Die finanzielle Situation wird Bischof Josef Ambühl vorgelegt. Ingenbohl droht mit Rückzug der Schwestern, wenn nicht einschneidende Massnahmen getroffen werden. Der Bischof bittet den 70 jährigen Widmer zu demissionieren.

„Es fiel Hoch. Herrn Direktor Widmer ungemein schwer, sich in all dies zu fügen, aber als gehorsamer Sohn seins Bischofs unterzog er sich dessen Verfügungen und legte die Leitung der von ihm gegründeten Anstalt in die Hände seines Nachfolgers Hochw. Herrn Direktor Schibler“.

Die Phase der Konsolidierung unter den Direktoren Eugen Schibler und Giuseppe Crivelli

Die Frau Mutter Theresia Beck[4] setzte sich nicht zufrieden mit dem Wechsel des Direktors und verlangte mit dem ganzen Gewicht ihrer Autorität strukturelle Reformen.

„Das Institut Ingenbohl hat aber noch Bedingungen an die neue Direktion gestellt, die erfüllt werden mussten, wenn die Schwestern in der Anstalt belassen werden sollten. Vorab mussten sämtliche Knaben im Alter von über 12 Jahren aus der Anstalt entlassen werden...Ferner müssen für die Kinder des vorschulpflichtigen Alters neue Abteilungen geschaffen werden, da die bestehenden...durchaus nicht den Anforderungen der Hygiene entsprechen, welchem Umstand auch die erschreckend grosse Kindersterblichkeit der letzten Jahre zugeschrieben werden muss“.

Die Frau Mutter schrieb zusätzlich an den Bischof in Solothurn, sie wären gewillt, die ganze Verantwortung zu übernehmen, jedoch nicht die Aufsicht über die Landwirtschaft und die Sorge für die hohen Zinsen. Dann fügte sie bei:

„Wir könnten uns kaum entschliessen, nochmals an der Seite eines Direktors zu arbeiten, der ständig in der Anstalt selbst wohnen würde“.

Der Verein nahm ein Bankdarlehen von Fr 300'000 auf, mit dem die Schulden bezahlt wurden und der Ausbau mit den vorgelagerten Terrassen und einem Speiseraum, dem Refektorium der Schwestern, erfolgte. Die Kindergruppen wurden neu aufgeteilt: Drei Abteilungen für Vorschulpflichtige: Säuglingsabteilung, Abteilung für die Springerli, Abteilung für Kindergärtner. Für die Schulpflichtigen: eine Abteilung für Mädchen, eine Abteilung für kleine Knaben (1./2. Klasse) eine Abteilung für grosse Knaben bis 12 Jahre.

„Viele und grosse Opfer hat 1928 mit seiner Reorganisation von den Schwestern der Anstalt gefordert. Gerne haben wir dieselben gebracht; mutig wollen wir alles auf uns nehmen, was Gottes Vaterhand in den kommenden Monaten zuschicken wird“.

Es kehrte Ruhe ein. Ende 1929 waren 141 Kinder im Heim, dazu 14 Schwestern und zwei Aspirantinnen.

„Dank der grossen Kinderschar ist die finanzielle Lage der Anstalt weniger drückend, die laufenden Schulden können vorweg bezahlt werden. Die Almosen sind reichlich geflossen, sodass die Hypothekarzinsen im Betrag von Fr. 15'687 ausschliesslich aus den Almosen gedeckt werden konnten“.

Die Struktur des Heimes blieb auch unter Direktor Giuseppe Crivelli, der 1954 Schibler nach dessen plötzlichem Tod nachfolgte, unverändert. Nur die Mädchenabteilung wurde in zwei Gruppen aufgeteilt. Allmählich hatte sich auch eingebürgert, dass die Knaben, die ihre frühe Jugend im Heim verbracht hatten und nicht auffällig wurden, bis Schulende verbleiben konnten. Das war vor allem Schwester Aiberta zu verdanken, die mütterliche Sorge mit Strenge zu verbinden wusste. Wer sich der Hausordnung nicht fügte, wurde entlassen. Unter Prälat Crivelli wurden weitere verschiedene Renovationen vorgenommen und eine Gesamterneuerung der Fassaden des Hauptgebäudes und des Hinterhauses durchgeführt.

Die Phase der Modernisierung nach 1968

Im Frühjahr 1968, nach der Demission von Direktor Crivelli, als ich die Leitung des Heimes übernehmen durfte, zählte man 70 vorschulpflichtige Kinder und 80 Schüler, davon 30 Mädchen. 15 Schwestern garantierten die Betreuung. 27 Kinder besuchten die von drei Lehrkräften geleitete heiminterne Sonderschule. Die vielen Verbesserungen waren offensichtlich und wurden in der Öffentlichkeit auch gewürdigt, doch die Zeit hatte sich gewandelt und damit auch die Bedürfnisse, die an ein Heim gestellt wurden. Das machte die massive Kampagne, die ab 1968 gegen die als Schande bezeichneten Heime in der ganzen Schweiz geführt wurde, nur zu deutlich. Stichwortartig lassen sich die Probleme für das ‚Kinder-und Erziehungsheim St. Josef’ wie der offizielle Name damals war, kurz auflisten.

  • Das Sozialwesen veränderte sich rapide. Es wurde verpönt, Kleinkinder in ein Heim zu stecken, damit die Eltern einer Arbeit nachgehen konnten. Krippen sollten ihnen den täglichen Kontakt ermöglichen. Grenchen eröffnete eine zweite Kinderkrippe. Die Behörden scheuten sich, Kinder zu bevormunden und in Heime einzuweisen. Alleinstehende Mütter wurden finanziell unterstützt oder ihre Kinder mit deren Einverständnis einer Pflegefamilie zugewiesen. Es war klar, dass die bisherige Ausrichtung des Heimes für Kleinkinder und für sozial benachteiligte Schüler, keine Zukunft haben konnte.
  • Der Kanton Solothurn, der die drei Lehrergehälter des Heimes zu 90% subventionierte, strich im Herbst 1968 sämtliche Beiträge. Das Heim solle sich der Invalidenversicherung anschliessen. Das war leicht gesagt. Die Kinder in der Heimschule hatten Einzelverfügungen der Invalidenversicherung, das waren 18 % der Gesamtbelegung. Die IV aber verlangte 75 % aller Insassen, um Betriebsbeiträge auszuzahlen. Eine Einbindung der heiminternen Schule in eine kantonale Aufgabe aber war nicht möglich, solange die Institution konfessionell einseitig katholisch ausgerichtet blieb.
  • Die Bettelpredigten, zu denen der Direktor in den grossen Pfarreien verpflichtet war, erbrachten eine willkommene Unterstützung, doch sie genügten nicht für die Anstellung von Laienpersonal. Ausser den jährliche Kollekten der kath. Pfarreien im Kanton Solothurn und Naturalsammlungen im Herbst in einzelnen Gemeinden und in Staad Grenchen, gab es keine Beiträge von kath. Organisationen oder vom Bistum. Die Löhne konnten nur mit zusätzlichen Krediten ausbezahlt werden. Die bisherige Finanzierung stiess an ihre Grenze.
  • Auf die Bedürfnisse der Schwestern wurde, wie das üblich war bei geistlichem Personal, kaum Rücksicht genommen. Es war selbstverständlich, dass sie ausser den jährlichen Exerzitien keine Freizeit und keine freien Tage kannten. Sie arbeiteten rund um die Uhr und hatten ihre Zimmer bei den Kindern, um auch nachts jederzeit abrufbar zu sein. Es gab auch keine Schwesternwohnung und oft waren sie zu zweit in einem Zimmer. Die einzige Rückzugsmöglichkeit um Distanz zu gewinnen, war die Kapelle. Sie hatten freie Kost und pro Schwester wurde Ingenbohl erst unter Direktor Crivelli monatlich 300 Fr bezahlt. Es war

absehbar, dass der Nachwuchs an Schwestern zurückging und mit jedem Weggang einer Schwester ein Laie angestellt werden musste, der andere Lohnansprüche stellte und andere Arbeitszeiten verlangte. Einer Pensionskasse angeschlossen waren nur die drei Lehrkräfte. Zusätzliches Personal aber war sofort dringend nötig, um die Schwestern zu entlasten.

  • Die baulichen Einrichtungen entsprachen nicht mehr dem allgemeinen gesellschaftlichen Standard. Für 50 Knaben und ihre Betreuerinnen gab es eine einzige Badewanne mit einem kleinen Boiler. Sie hatten auch keine Schränke für ihre Kleider, die zentral aufbewahrt wurden, da es sich meistens um Geschenke der Bevölkerung Grenchens handelte. Sie hatten kein Nachttischchen für persönliche Sachen. Auch das Geschirr, das gebraucht wurde, war geschenkt, und entsprach einer Brockenstube. Das Mobiliar war alt und uneinheitlich. Für die interne Schule gab es keine Sportmöglichkeiten.
  • Die Gruppen, von 15 bis zu 30 Kinder, waren zu gross, um individuell auf jedes Kind einzugehen. Das war für zwei Erzieherinnen eine Überforderung. Die Hausordnung war klösterlich geprägt mit täglicher Messe, mit Rosenkranz, Nachtgebet, Christenlehre sonntags und Segensandacht. Für selbstbestimmte Tätigkeiten blieb wenig Raum. Eigentliche geplante erzieherische Prozesse waren nicht möglich, es galt vorwiegend Aufsicht zu halten. Es war auch schwierig, Laien anzustellen. Sie schreckten zurück, wenn sie die Infrastruktur des Heimes sahen, das mit staatlichen Institutionen nicht konkurrenzieren konnte.

Trotz aller dieser Probleme gelang es den Schwestern, ein frohe und gelöste Atmosphäre zu schaffen. Sie waren es denn auch, die voller Bereitschaft und mit viel Einsatz die oft mühsame Umgestaltung in eine neue Zeit mittrugen und einmal mehr das Heim in die Zukunft retteten.

Sie beteiligten sich gemeinsamen an wöchentlichen, neu eingeführten Sitzungen. Sie bearbeiteten ein Raumkonzept für Neubauten, an die zwar vorerst kaum jemand glaubte. Sie waren einverstanden, dass die religiösen Veranstaltungen massiv reduziert wurden. Einige besuchten am neu gewährten Freitag als Hörerinnen Vorlesungen in Pädagogik an der Universität Fribourg und Bern. Eine Schwester bildete sich an der Kunstgewerbeschule Basel weiter, eine weitere machte die Autofahrprüfung. Die Kleinkindergruppen wurden allmählich aufgegeben, die Zahl der Schüler nahm zu, das Heim spezialisierte sich auf verhaltensschwierige und sprachbehinderte Kinder. Schwester Zita Rosa übernahm den Aufbau der Sprachheilschule. Die Schwestern lernten mit männlichen Erziehern zusammenzuarbeiten und Praktikanten anzuleiten. Sie lernten Akten zu schreiben, psychologische Gutachten zu lesen, sich an Fallbesprechungen zu äussern. Koedukative Gruppen wurden eingeführt, die Zusammensetzung der Kinder wurde interkonfessionell und interreligiös. Nachdem die Neubauten bezogen waren, ergaben sich neue Konstellationen. Teilweise übernahmen Laien die Führung und die Schwestern rückten ins zweite Glied. Die Erziehung wurde individualisiert. Identität, Intimität und Integration bildeten die Grundlage der pädagogischen Bemühungen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern wurde gefördert. Klare Zuweisungen von Kompetenzen mussten eingehalten werden und eine vielfache Vernetzung mit verschiednen Bereichen und Personen als tägliche Forderung mitberücksichtigt werden. Dabei veränderte sich auch die Spiritualität der Schwestern. In einem ideell vielseitig durchmischten Milieu von unterschiedlichen Personen und Ansichten wurden sie Zeuginnen für eine ursprünglich gelebte christliche Identität. Kurz zusammengefasst: Ohne die Schwestern wäre die Modernisierung des Heimes nie möglich geworden. Gewiss brauchte es dazu einen Vereinsvorstand, der mutig Entscheidungen traf, und weitsichtige Präsidenten, doch die eigentliche Umgestaltung ereignete sich im hoch komplexen Umfeld des Alltags.

Zur These 2

Drei wesentliche Grundhaltungen haben das Leben der Schwestern und ihren Einsatz bestimmt: Gottvertrauen, gelebte Armut, Gehorsam.

Die Geschichte hat mehrfach gezeigt, dass das Vertrauen in die Hilfe Gottes grösser war als das Vertrauen auf menschliche Hilfe. Heute wären wir versucht zu sagen, dass ein so grenzenloses Vertrauen gegen die Vernunft war. Die Schwestern erkannten immer wieder Gottes Güte. Sie stellten keine Ansprüche, und so verwunderlich das ist, der Verzicht auf viele Bedürfnisse machte sie innerlich frei, um für die Kinder und die Aufgabe dazusein. Sie übten den Gehorsam. Das habe ich oft ganz konkret erlebt. Schwester Aiberta war im Alter ihrer Aufgabe als Gruppenleiterin nicht mehr gewachsen. Ich hatte Bedenken, ihr dies beizubringen. Für sie war es kein Problem. Sie gehorchte und wechselte zum Empfang. Ich hatte niemand für die Gruppe der grossen Knaben. Ich bearbeitete Schwester Ambrosia. Sie habe keine Erfahrung mit Knaben, entgegnete sie, sie sei immer bei Mädchen gewesen. Sie zögerte und übernahm den Posten aus Gehorsam und dies mit Erfolg. Noch kurz vor meinem Ausscheiden entliess ich den neu gewählten Erziehungsleiter, nicht weil er unfähig war, sondern weil er sich nicht in das Team einfügte und eine eigene Richtung einschlagen wollte. Von einem Tag auf den andern bat ich Schwester Adeltrud, die Internatsleitung zu übernehmen. Sie traute sich das nicht zu und tat es im Gehorsam. Auch sie mit grossem Erfolg. Eine Auseinandersetzung hatte ich mit der Küchenschwester Jukunda. Sie hatte Streit mit dem Hilfsabwart, der jeweils die Küche reinigte, und erklärte mir, entweder gehe der Mann oder sie. Ich wurde sehr heftig und erinnerte sie an das Wort Jesu, was ihr dem Geringsten getan, das habt ihr mir getan. Sie weinte und gehorchte und war mir später dankbar. Der Gehorsam galt jeweils nicht mir als Heimleiter, sondern dem Ruf Gottes, der als Zumutung verstanden wurde. Und so könnte ich noch vieles erzählen. Hervorragende Oberinnen waren beispielhaft für die Schwestern und für das gesamte Personal. Die drei Tugenden: Gottvertrauen, gelebte Armut und Gehorsam, haben Bachtelen geprägt. Sie sind nicht mehr modern und widersprechen dem heutigen Zeitgeist. Sie machen uns bewusst, was mit dem Verlust von Schwestern in unserer westlichen Welt überhaupt verloren geht.

Zur These 3

Die Realisierung der Ideen des Gründers des Vereins der St. Josef Anstalten und der Bestand des Kinderheims Bachtelen bis heute verdankt sich den barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz von Ingenbohl.

Zur letzten These bleibt nichts mehr zu sagen. Die bisherigen Ausführungen sind dazu genügend Beleg.

Die Behörden des Kantons Solothurn hatten über Jahrzehnte ein gespanntes Verhältnis zum Heim. Umso erfreulicher sind die Worte, die beim hundertjährigen Jubiläum des Vereins von Armin Gugelmann als Vertreter des Kantons ausgesprochen wurden. Er dankte zuerst den Schwestern. Seine Worte haben nichts an ihrer Geltung verloren:

„Ihnen (den Schwestern) gebührt der grösste Dank und die höchste Anerkennung, denn sie haben das Werk an der Basis durchgetragen. Es wurde nicht von Überforderung, Selbstverwirklichung und Supervision gesprochen, sondern das Gebet, die Demut und die Hingabe an die gestellten Pflichten, Besinnung in den Exerzitien im Mutterhaus Ingenbohl gaben Kraft und Zuversicht für eine Aufgabe, die einfach da war und bewältigt wurde“.

Diesen Dank empfinden wir am heutigen Tag. Und weil er verbunden ist mit Abschied, gebührt den Schwestern und durch sie Gott, in dessen Dienst sie stehen wollten, der Dank in besonderer Weise. Es ist Abschied, doch die Grundhaltungen der Schwestern bleiben als Vermächtnis.

Einzelnachweise

  1. Schwester Pankratia Widmer war Generaloberin von 1888 bis 1906.
  2. Schwester Aniceta Regli war Generaloberin von 1906 bis 1921.
  3. Schwester Hedwig Fraefel war Generalrätin und Verantwortliche für die Niederlassungen, die 1930 Provinz Italien wurden.
  4. Schwester Theresia Beck war Generaloberin von 1921 bis 1933.

Quellen

  • Text von Anton Meinrad Meier

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