Die Uhrenfabrik Eterna im Jahre 1901

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Adolf Gschwind während des 2. Weltkriegs als Luftschutzmann in der Eterna AG.
ETA ca. 1900, damals Gebr. Schild & Co., Schild Frères & Cie. Auch 1901, beim Eintritt von Adolf Gschwind, bestand die Firma aus diesen Fabrikgebäuden.
Tour à pivoter, Schweiz um 1950.
Outil à planter, Schweiz 1890 (links) und 1900 (rechts).

Ein altes Sprichwort sagt; alles fliesst! das sich überall bewahrheitet. Auch die Uhrenfabrik ist in dieser Hinsicht nicht verschont geblieben. In den letzten 5 Jahren hat es da so gewaltsam geändert, dass sich ein früherer einfach gar nicht mehr auskennt.

Es würde viel zu viel Zeit beanspruchen, wenn ich von 1901 bis zur Gegenwart alles niederschreiben würde. Will mich lediglich nur darauf beschränken ein geistiger Blick so gut es mir möglich ist, von der damaligen Fabrik Gebr.Schild & Co. wiederzugeben. Der damalige Gebäudekomplex bestand aus vordere Fabrik (Gründungs-Gebäude), hinteres Gebäude mit Turm, beide mit einer hölzernen, mit Ziegel bedeckten Brücke verbunden. Ferner auf der Westseite das Pignon, welches kurz vorher noch ein Ladenschuppen mit Schreinereiwerkstätte war. Nordwestlich von der hintern Fabrik hart an der Stützmauer war und ist heute noch die Schreinerwerkstatt. Dem Bach entlang das Lagerhaus, dessen südl. Teil das Nickelage ist. Wollte man während der Arbeitszeit in die Fabrik, so musste man durch das Wellblechhäuschen eintreten und beim Tagwächter oder auch Portier genannt um Einlass begehren. Dieser Posten wurde gewöhnlich von einem ältern Mann ausgefüllt. Er hatte die Pflicht strenge Kontrolle zu üben wer da aus- und eingeht. Besonders musste er aufpassen, dass kein Alkohol eingeschmuggelt wurde, aber man sagt: Gegen die Schlauheit ist kein Kraut gewachsen.

Im Erdgeschoss auf der Ostseite war das Remonteurzimmer und westlich vom Durchgang das Pointage wo Frau Knuchel und Frau Juillerat arbeiteten. Im ersten Stock war das grosse Bureau mit zwei Räumen und östlich das kleine Bureau welches Herr Hans Schild inne hatte. Sämtliche Reklamationen musste man auf dem kleinen Bureau anbringen. Auf der gleichen Seite war das untere Comptoir wie es allgemein genannt wurde. Dort waren in der Mitte an einem Doppelpult Jean Mohr und Emil Bolle, welche die Arbeitscarnets rechneten. Auf der Südseite anschliessend an das kleine Bureau, welches mit einem Meldefensterchen versehen war, arbeiteten die Calibristen Jos. Wyss Vater und Sohn und daneben war der Mécanisme-Visiteur Gottl. Vogt, früherer Bärenwirt, sowie Frl. Louise Zeesiger (jetzige Frau Hirt). An einem der Ostfenster war der Platz von Visiteur Albert Flury der nebst seiner Arbeit auch noch die Fournituren-Abgabe besorgte. Der Verkaufsraum war im Gängli untergebracht, welches zu der Verbindungsbrücke führte. Dieser Raum wurde später als Wäscheraum benutzt. Am andern Fenster war Vater Lavoyer mit seinen zwei Söhnen mit dem Roulage beschäftigt. Das obere Comptoir beherbergte die feinern Partien wie z.B. Réglage, Retouche, Glassetzerei ferner Bestellungsbureau und Packerei. Der damalige Packer war Oskar Zbinden (Emil weiss da etwas besser Bescheid).

Die hintere Fabrik, das sog. Maschinengebäude, war im Erdgeschoss folgendermassen eingeteilt: Von West nach Ost zuerst das mächtige Wasserrad, das grösste in Grenchen. Dann kam der Kesselraum und daneben durch eine Wand getrennt die Dampfmaschine, vis-a-vis der Elektro-Motor, welcher mit dem Wasserrad in Verbindung stand. Ferner waren in diesem Raum Stanzmaschinen, Laminoirs sowie Découpoirs. Hier war der Wirkungskreis von Arnold Saner, der auch das Glöcklein betätigte.

Beim Eingang bei der Treppe war das Schalenoxydage und etwas weiter hinten die Schalengiesserei Jules Böhlen Nachfolger von Vater Bollier. Im untern Gang war eine Pressluftpumpe, welche einen Heidenspektakel machte. Im östlichen Teil war vorn die Mechanik und Schmiede alles im gleichen Raum mit 6 Mechanikern und 2 Lehrbuben. Unter dem Glasdach war die Etampesmacherei von Fritz Leuenberger geleitet. Im 1I.Stock war von Ost nach West das alte Schraubenzimmer (jetzt Fournituren und Einschreibbureau) am Südfenster Vikt.Stämpfli und sein Sohn Emil welche Barillets schnitten. Am Fenster gegen den Bach waren 3 Découpeurs: Joseph Obrecht genannt Staader Sepp, Ausstanzen von Messingrad, Herm. Wullimann unter dem Dorfnamen Schniderjörsepplis Hermann und als Dritter im Bunde Bärger Chrigu aus Lengnau als Chäsbärger bekannt. Auf der Fourniturenseite war Fraisenmacher Fröhlich mit seinem Lehrbuben Emil Liebi. Um das Zimmerbild zu vervollständigen waren am mittleren Etabli - einfach "Bock" genannt - Selzesepp aus Bettlach der damals schon seine 40 Dienstjahre auf dem Buckel hatte. Ferner Emil Rüefli, der spätere Postpferdehalter an der Storchengasse und am Gangfenster Krankenkassier Stämpfli, alles ältere Namen, darum das Zimmer scherzweise auch das Altersasyl genannt wurde.

Westlich vom Gang war das Drehzimmer. Die Dreher alle auf der Südseite mit Namen: Schnyder Florian, Arthur Nussbaumer, Johann Güggi (Gusti Hans), Gottl. Güggi, Brotschi Hermann, Oswald Güggi, Charles Krähenbühl und Morand. In der Zimmermitte war die Familie Jonas Schild-Baumann ansässig und mit Adoucieren beschäftigt. An den Nordfenstern waren die Schalendreher Fritz Hug und Aufran sowie die Barilletsdreher Arnold Fontana (Schulkamerad von Herrn Theodor Schild) und Simon Frène, ferner als Pendantfräser Wullimann Alfred (Seppel Alfred genannt). Anschliessend durch eine Holzwand gertrennt war die Schalenmacherei. Unter diesen sind sind mir folgende Namen im Kopfe geblieben: Beda Saner, August Güggi, Jämes Knöpfli, Jean Triebold (Gemeindepolizisten), Emil Schaffo, Pius Saner, Arnold Schläfli, Hans Leuenberger und Casimir Kissling als Chef.

Stieg man noch 2 Treppen empor, kam man in das mittlere Zimmer. Ein anhaltendes Geräusch lässt sich vernehmen, wir öffnen die Türe und richtig es waren die [Automaten], welche diesen Lärm verursachten. Im Ostflügel waren selbe auf 3 Etablis montiert, von der Decke herab kam ein wahres Labyrint von Saiten und Treibriemen. Das Etabli nordwärts hatte die Schraubenautomaten mit den Arbeitern: Schori und Liniger Otti. Das mittlere Etabli hatte die grossen Maschinen vom Décolletieren von Renvoirs, Pignon Coulant, Pign. Remontoir, welche den grössten Lärm verursachten. Dann kamen die Tiges und Arbres Maschinen, mit den Arbeitern: Kaiser Erwin, Friedli Otto und Gubler Walter. Das waren manchmal ziemlich aufgeregte Menschen, mussten sie doch immer auf ihre Maschinen Obacht geben, denn gar zu bald war etwas an einer Maschine futsch und musste selbe sofort abgestellt werden, wenn nicht alles kaputt gehen sollte. Dabei wurde mit so recht vaterländischen Ausdrücken nicht gespart um dem Aerger freien Lauf zu lassen.

An den Nordfenstern war das Taillage mit den Arbeitern Gottl. Röthlisberger und Vater Senn. Vis-à-vis der Eingangstüre war der schneidige Fritz aus Lengnau, mein ehemaliger Lehrmeister, dessen Partie ich dann übernahm. Anschliessend kamen die Bohrerinnen etwa 10 an der Zahl. Frauen und Jungfrauen, damals war Fräulein noch ein ziemlich unbekanntes Dingwort. Es sind mir von diesen nur noch folgende im Sinn geblieben: Frau Rüefli-Tschuy, Frau Affolter-Scholl, und Frau Feremutsch. Dann kamen die Schraubenlochfräserinnen - Frau Rüefli-Christ und Marie Steffen.

So reiht sich Seite an Seite, man könnte fast sagen Ellenbogen an Ellenbogen - Arbeiter und Arbeiterinnen. Es kamen die Schwestern Papas und Frau Lütolf, sowie die Zwillingsschwestern Frau Lanz und Frau Matter, welche dem Arbre-Polissage oblagen. Dann kamen die Füsslerinnen Frl.Marie Giger und Frl.Mina Stämpfli die spätere Frau Merlo. Jetzt kamen die Arbre-Carré-Fräser - Albert Bessire und Kämpfer Liebel und zum Abschluss finden wir an Arbres-Pivotages Maschinen Nikl. Zangger und dessen Tochter unsere Jubilarin Louise. Am letzten Fenster war der Platz von Albert Schacher, Visiteur. Unter ihm standen die Partien des Barillet. Auf der Westseite war der Visiteur Walker Joggi. Messing-Ebauche und Schrauben. Er war noch einer nach der alten Richtung. Notiert wurde bei ihm nicht viel, er hatte alles im Kopfe.

Am nächsten Fenster war Frau Stämpfli mit 2 Töchtern, einfach Selzegritt genannt, denn sie war eine Schwester des schon erwähnten Selzesepp, sowie die Mutter von den langjährigen Arbeitern Gustav und Jean Stämpfli. Am ersten Fenster an der Nordseite waren die Taraudeuses Frau Giger und Frau Tschäppät. Dann kamen die Entréefräser Mühlemann eine Hühnengestalt, sowie Gottfr. Hurny. Dann die Tiges- und Poussettebohrer mit Franz Feremutsch und Vikt. Vogt. Es folgen die zwei Brüder Fritz und Otto Renfer, anschliessend kam Ingold mit seinen ihm unterstellten Arbeitern. Ingold war ein Mann von goldlauterm Charakter. Hatte z.B. einer seiner Arbeiter etwas nicht richtig gemacht, so hat er ihm die Meinung frisch von der Leber weg gesagt. Es wäre noch viel zu erzählen von ihm, welches aber mündlich gesagt werden kann. Hinter dieser Abteilung an einem Bock arbeiteten die Geschwister Schenk auf Schrauben- und Flachpolissage. Auf der Südseite war auch ein langes Bocketabli an welchem Wullimann Wilhelm, Leuenberger Joh., Kohler Arnold und Müller Bertha (jetzige Frau Kaiser am Südbahnhofplatz). Zum Abschluss daselbst kam noch das Flury Müeti, welches Stück adoucierte, sowie die Dreher Adolf Wyss und Lanz Hans. Es war also in diesem Zimmer sehr viel los. Würde man jetzt über angegebene Personen in Erzählung übergehen, so würde das ein dickes Buch abgeben.

Nun steigen wir noch einen Stock höher und kommen in das obere Zimmer. Da war es schon ein bisschen ruhiger. Transmissionen waren nur an der Ostseite, wo kurz vorher noch das Pignon war, hier war es noch ziemlich leer. An den Südfenstern war Vater Bourquin mit zwei Töchtern auf dem Finissage-Bohren. Neben ihnen Frau Zemp - Christ Müeti. Am Bock waren die Schraubenspalterinnen, worunter auch meine Mutter. Am Ostfenster waren die Acheveuses Emma Nussbaumer, Frau Wälti-Gilomen, Louise Mosimann die spätere Frau Banz und Frau Rickli-Lüdi und Alfr. Gilomen. Auf der Nordseite waren die Polisseuses Frau Ris (Grossviggi) und Tocher Emilie. Auf der Westseite befand sich das Sertissage mit den Arbeitern: Frau Adam-Friedli, Fritz Jaggi Paul Furrer, der Chef Arnold Schnyder und sein Bruder Walter. Anschliessend kamen die Anker-Acheveurs mit Joseph Vogt an der Spitze und auf der Nordseite waren die Pivoteurs: Cäsar und Mathé Glatzfelder, Robert Obrecht, Senn Hans, Banz Arnold, Vater Hänzi und Sohn aus Lengnau, Fritz Steffen und Fritz Schütz und als dritter im Bunde, der Visiteur Fritz Lüdi, der jetzige Postführer. Am Bock war das Plantage mit Rud. Bally als Chef. Das Gyger Ursi, Anna Häny, Bertha Flury, Louise Schild und Frau Stämpfli waren die Arbeiterinnen.

Das ist so ziemlich alles vom obern Zimmer. Treten wir noch eine Treppe weiter hinauf, so kommen wir, die linke Türe öffnend in die Härtnerei was Vater Wälti besorgte. Die rechte Türe führt ins Benzinkämmerli. In verschliessbaren Fach werden da die Benzinkesselchen versorgt.

So nun bin ich allmählich zum Schluss gekommen. Wenn ich noch über Allgemeines berichten will, so kann ich konstatieren, dass das Leben von dazumal viel gemütlicher war. Wir arbeiteten länger, 10 Stunden im Tag, aber dafür wussten wir nichts von Hast und Nervosität. War es im Sommer an Montag-Nachmittagen unerträglich heiss und das war es öfters, dann machte man einfach blau, besser ausgedrückt, man feierte. Doch über dieses Thema lässt sich besser plaudern.

Ich wüsste noch vieles, so z.B. über die Heizung, Petrolbeleuchtung, Zahltagswesen, Einzug der Kranken- & Sterbebeiträge, die Arbeitszeit etc. etc. aber ich glaube mein Bericht ist lang genug.

Zum Schluss kommt mir noch gerade eine Begebenheit in den Sinn, die mich s.Z. einwenig deprimierte, jetzt aber als wahren Witz betrachtet werden darf. Ich war ja immer klein und als ich als 15 jähriger Knabe die Arbeit hier aufnahm, war ich erst ca.135 cm gross. Da einmal kommt Bolle Emil zu mir gesprungen und sagt mir ausser Atem: Du verschwinde schnell in den Abort hinaus, der Fabrikinspektor ist da! Ich rufe Dir dann wieder, wenn er fort ist. Trotzalledem aber, habe ich bewiesen, dass auch ein kleiner Knirps ein Mann werden kann und den Mann auch stellen kann.

So nun wäre ich am Ende angelangt und ich hoffe, diese Aufzeichnungen werden noch viele andere Begebenheiten in Erinnerung wach rufen.

Gezeichnet, Adolf Gschwind.


Quelle

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