Der letzte Graf von Grenchen

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Der letzte Graf von Grenchen
1938
William Marti

Der letzte Graf von Grenchen

Festspiel in drei Bildern zur 25. Gründungsfeier des Ferienheims Grenchen.

Aufgeführt am Jugendfest 1938 auf dem Platz zwischen den Schulhäusern I und II in Grenchen

Eine Einführung aus heutiger Sicht

Das Jugendfest zum 25-jährigen Jubiläum des Grenchner Ferienheims in Prägelz war für die Uhrenstadt ein Grossereignis. Die Aufführung und die Vorbereitungsarbeiten stellten für die Schulen Grenchens eine grosse Herausforderung dar, die mit Bravour in die Tat umgesetzt wurde.

Den Text zum Festspiel, der hier wiedergegeben wird, schrieb der Grenchner Lehrer William Marti. Marti wählte offensichtlich eine einfache Handlung, die viel Raum bereitstellte für einen bunten musikalischen Rahmen. Für die musikalischen Darbietungen waren die damaligen Grenchner Musikdirektoren Ernst Märki (Gesang) und Karl Bock (Orchester) verantwortlich. Es war tatsächlich so, dass das Stück von Musik und tänzerischen Einlagen getragen wurde. Chorgesänge, Tanz und Orchestermusik boten auch die Möglichkeit, die vielen Teilnehmer in der Aufführung einzusetzen. So war der Regisseur, Lehrer Fritz Aeberhardt, vor keine leichte Aufgabe gestellt, die riesige Schülerschar effektvoll und lebendig in das Gesamtbild des Festspiels einzubauen und dabei den Faden der Handlung stets im Licht zu behalten.

Für die Kostüme setzte man aus Budgetgründen teilweise Krepppapier ein. Imposant war auch das Bühnenbild. Die abgebildete Fotografie vermittelt einen Eindruck – eine ‚lebensgrosse' Burg aus Holz, Leinwand und Karton wurde aufgebaut.

1938, ein Jahr vor der berühmten Landi (Schweizerische Landesausstellung 1939), liess sich das kommende Unheil eines Krieges bereits erahnen. Das war bestimmt auch ein Grund, für das Festspiel einen patriotischen Inhalt zu wählen. Nichts war naheliegender, als sich für die Burg Grenchen und deren Sage vom wüsten Tyrannen zu entscheiden. Ein kontrastreicher Stoff, der sich hervorragend eignete für ein Festspiel mit Musik und Gesang. Das Pathos der Verse ist charakteristisch für die populäre Dichtung dieser Zeit.

An dieser Stelle ist es leider nur möglich, den Text des Festspiels wiederzugeben. Bei der Lekütre muss man sich vorstellen, dass das Festspiel als Gesamtbild wirkte – Handlung, Chor, Orchester und Tanzeinlagen bildeten eine Einheit.

Nach dem Jugendfest konnte ein Betrag von fast Fr. 9000.— dem Ferienheim Grenchen überreicht werden. Ein beeindruckendes Ergebnis in diesen Jahren.

Die Wiederentdeckung des Festspiels ist einem Hinweis von Frau Annamarie Probst, Grenchen, und, wie so oft schon, der Hilfe von Frau Salome Moser, Stadtarchiv Grenchen, zu verdanken.

Der letzte Graf von Grenchen

Titelseiten aus der Festschrift zum Jugendfest 1938
Der letzte Graf von Grenchen

Personen

  • Graf Johann von Grenchen
  • Berta, dessen Schwester
  • Rudolf von Nidau, ihr Gemahl
  • Siegfried von Arch, ein Edelknecht
  • Kunigunde, ein Schlossfräulein
  • Urs, ein junger Bauer
  • 1.Bauer
  • 2.Bauer
  • 3.Bauer
  • Schlossvogt
  • 1 Turmwächter
  • Ferdinand von Balm, ein Minnesänger
  • Ritter, Edeldamen, Bauern
  • Mädchen und Buben
  • 1 Sprechchor, 1 Singchor
  • Spukgestalten
  • Musikanten

Zeit: 1225
Ort: Schloss Grenchen

Lieder zum Festspiel

Direktion: Ernst Märki

Bild 1:

  • Frühlingslied
  • Ritterballade
  • Minnelied

Bild 2:

  • Kinderspiel

Bild 3:

  • Turmwächterlied
  • Hymne an die Freiheit

Musik zum Festspiel

Direktion: Karl Bock

Bild 1:

  • Festmarsch (Orchester)
  • Cavotte für Ritter und Edeldamen
  • Begleitung zum Frühlingslied

Bild 2:

  • Begleitung zum Kinderspiel

Bild 3:

  • Begleitung zum Turmwächterlied
  • Balletmusik zum Spukgeisterreigen
  • Begleitung zum Schlusschor


Regie: Fritz Aeberhardt
Reigen: Hanny Eggenschwiler
Kostüm: Frl. Wälti und Frl. Lambelin

Prolog

Wo in Minne das Volk sich zusammenfindet
Und froh zum Fest sich Kränze windet,
Wo das Leben lacht, die Muse wohnt,
Und Freiheit, Glück und Gerechtigkeit thront,
Wo fröhliche Kinder in Spiel und Tanz
Sich munter drehn in buntem Kranz,
Wo Menschen für Menschen nicht Opfer scheuen,
Da weile getrost, - am Glück dich zu freuen!

Ihr Lieben alle, zum heutigen Feste
Begrüssen wir euch hiermit auf's Beste!
Lauscht freudig unserm frohen Spiel,
Euch Kurzweil bereiten ist unser Ziel.
Es erstehen aus längst vergangenen Tagen
Vor euren Augen romantische Sagen,
Von Grenchens letztem Ritter gar,
Der hier gehaust vor sieb'hundert Jahr.

Es half das Volk in alter Zeit,
(Noch stehen die Zeugen weit und breit)
Den Zwingherrn ihre Burgen bauen,
Die weithin über Dörfer und Auen
Ausschau hielten, trotzig und kühn. –
Des Volkes Opfersinn und Müh'n
Verlockte den Adel, o Schande und Hohn,
Zur Tyrannei und harter Fron.

Wohlleben, Genussucht und tolles Treiben,
Kann auf die Dauer nicht herrschen und bleiben.
Drum brach das Volk mit starker Hand
Der Tyrannenherrschaft eitlen Tand,
Zerstörte die Burgen, der Zwingherren Macht,
Die Land und Volk ins Elend gebracht.

Eine spätere Generation liess sodann
Auf luftigen Höh'n, im grünen Tann,
Der Jugend schmucke Tempel bauen,
Die friedlich und freundlich zu Tale schauen. –
Es feiern die Grenchner, ihr lieben Leute,
Des Ferienheims Geburtstag heute.
Ein Vierteljahrhundert lang, jedes Jahr
Gastiert eine muntere Kinderschar
In diesen gesunden, freundlichen Räumen,
Drum sollen wir heute nicht versäumen
Das Werk zu fördern mit milder Hand,
Zum Segen von Volk und Vaterland!

Bild 1

Im Hintergrund die Wandfluh, im Vordergrund Schloss Grenchen. Der Schlosshof. Ritter und Edeldamen treten paarweise unter den Klängen eines Festmarsches auf. Der Graf begrüsst sie. Am Rande des Schauplatzes steht das Volk herum.

Personen: Der Graf, Rudolf, Siegfried, Urs, Berta

Chor:
(mit Musik singt einen Frühlingschor)

Der Graf:
Gegrüsset seid ihr edlen Herrn,
Willkommen ihr schönen Damen,
Die heut' zum Feste von Nah und Fern
Zu Fuss und zu Rosse kamen.
Die Zeiten sind zwar wahrlich schlecht,
Was nützet das Kümmern für morgen?
Wir haben schliesslich die Macht, das Recht,
Der Bauer soll für uns sorgen.

Rudolf:
Das Borgen und Feiern hat einst ein End'
Es murrt das Volk unter Lasten.
Wenn sich die Sach' nicht zum Bessern wendt'
Gewöhnt man sich noch an's Fasten.

Der Graf:
Die Bauernbrut, die soll es schaffen,
Die Städte, die sind das Borgen gewöhnt.
Da stehn sie umher die faulen Laffen,
Nur wer sich sputet, der wird belöhnt. –

Heissa, da kommt aus fernem Land
Auf seiner Mähre dahergeritten
Der Minnesänger, der Ferdinand,
Ich werd ihn um ein Liedchen bitten.

(Ferdinand tritt mit einer Laute auf, man bringt ihm den Becher)

Ferdinand:
Den lieben Damen und edlen Herrn
Wünsch' ich Gesundheit und langes Leben,
(trinkt)
Ich sing euch ein Liedchen von Herzen gern.

Der Graf:
Wein her, sonst bleibt ihm die Zunge kleben!

Ferdinand: (singt eine Ritterballade)

Chor:
(singt anschliessend ein Minnelied. Die Musik spielt zum Reigen auf. Ritter Edeldamen führen einen Tanz auf.)

(Urs nähert sich der Gesellschaft mit 2 Männern. Er meldet sich bei Siegfried an.)

Siegfried:
Graf Johann, im Hofe stehen drei Bauern
Und wünschen zu sprechen dich auf der Stell'.

Der Graf:
Was wagt sich die Meute in meine Mauern?
Was sucht wohl hier der strupp'ge Gesell?

Urs:
(nähert sich)
Zu dienen, Graf, es treibt uns die Not,
Befrei' uns von zu hohen Lasten;
Denn unsere Kinder schreien nach Brot,
Es wird hier geschlemmt und wir fasten.

Der Graf:
Der Bauer, der halte sein loses Maul,
Sonst sperr ich ihn hinter die Mauern.
Wer essen will, sei zum Schaffen nicht faul,
Und wem's nicht passt, soll versauern.

"Ad coercendum rusticorum superbiam, amen!"

[1]

Steht's dort am Turm in Stein gemeisselt
Und so wird's gehalten ohn' all Erbarmen,
Zur Demut werden die Bauern gegeisselt.

Berta:
Ach Bruder, lass doch die Milde walten,
Erbarm' dich deiner Leute Not.
Es droht Verderben bei deinem Verhalten,
"Hilf deinem Nächsten!" ist göttlich Gebot.

Rudolf:
Mein lieber Graf, o halte Rat
Und schenk dein Ohr gerechten Klagen,
Wag' keine unbesonn'ne Tat,
Sonst packt die Meute dich am Kragen.

Urs:
Nimm an Vernunft, erlass uns die Steuer,
Es leidet das Volk, ich tu es dir kund,
Sei menschlich, sei kein Ungeheuer,
Erbitterung herrscht weit in der Rund!

Der Graf:
Was kümmert mich die ewige Klag'!
Ich wahr' meine Rechte wie mein Ahn',
Den treffe Blitz und Donnerschlag!
Der boshaft kreuzet meine Bahn.

Siegfried:
(mit steigender Entrüstung)
Auch ich rechte heute noch mit dir,
Deine Selbstsucht findet kein Ende.
Zehn volle Jahre schon dien' ich allhier,
Sieh' her die schwieligen Hände! –

Die Kunigund hält'st du im Schlosse gefangen,
Deren Erb' du in unbotmässiger Art
Trotz Drohungen, die vielfach an dich ergangen,
Verbrecherisch an dich gescharrt. –

Hör' Graf, das Mass ist eben voll,
Du läss'st deine Bauern darben,
Du treibst es wirklich gar zu toll.
Mich reuen die alten Narben,
Die ich vor Zeiten in manchem Srauss
Geholt für Ehre und Recht.
Graf Johann von Grenchen, nun ist es aus,
Entlasse den Edelknecht!
(ab)

Urs:
Fluch über dir, verblendeter Tor.
Deine Tage, sie sind gezählet,
Das Unrecht schreit zum Himmel empor;
Dein Schicksal hast selbst du gewählet.
(zieht sich zurück, die Knechte umringen ihn und führen ihn ab in den Turm)

Der Graf:
(zu den Knechten)
Treibt mir das Lumpengesindel fort,
Die Meute von kläffenden Hunden;
Vor Aerger fast meine Kehle verdorrt,
Das Joch ist zu leicht befunden.

(Die Knechte treiben das Volk fort. Ritter und Edeldamen ziehen sich ins Schloss zurück. Der Graf bleibt vor sich hinstierend am Tische sitzen, trinkt aus dem Humpen. Aus der Ferne hört man das Minnelied des Ferdinand von Balm)

Sprechchor:
Wehe, wem die Macht gegeben
und sich wälzt in Uebermut.
Wer will glücklich sein im Leben,
Bleib gerecht, bleib wahr und gut!
(Vorhang)

Bild 2

Abend auf dem Dorfanger unter der Linde. Kinder singen und führen einen Reigen aus. Männer und Frauen schauen zu.

Personen: 1., 2. und 3. Bauer, dann Siegfried und Schlossvogt.

Chor und Solo
(Kinderspiel. Nach Gesang und Reigen hört man die Betlocke läuten. Kinder und Frauen verziehen sich.)

1.Bauer:
Wie glücklich ist doch die Jugendzeit,
Sie kennt weder Kummer noch Sorgen;
Nichts weiss sie von Kampf und ewigem Streit,
Was kümmert sie auch das Morgen ! –

2.Bauer:
Was wälzt sich daher vom hohen Schloss?
Welch Aufzug, bald werden wir's hören.
Es ist des Grafen Schlossvogt und Tross,
Wir wollen die Schergen nicht stören.

Schlossvogt:
(tritt wichtig auf mit Gefolge, einer bläst ins Horn)
Es wird hiermit bekannt gemacht,
Dass wer die Abgab' an Korn und Wein
Bis Sonntag nicht auf's Schloss gebracht,
Der soll verfemt, geächtet sein!
(ab)

1.Bauer:
Habt ihr's gehört, verfemt, geächtet?
Nachdem wir alles hingegeben.

2.Bauer:
Sind wir noch nicht genug geknechtet?
Der Graf, er will noch unser Leben.

3.Bauer:
(laut)
Habt ihr die neue Schandtat gehört?
Man hat in hochnotpeinlicher Weise
Unsern teuren Urs im Turm verhört. –

1.Bauer:
(leise)
Macht keinen Lärm und sprechet leise!

2.Bauer:
Der Edelknecht Siegfried kommt angeritten,
Er ist ein Verfechter unserer Sachen.
Er hat schon manchen Strauss gestritten,
Der räuchert ihn aus, den alten Drachen.

Siegfried:
Heut' nacht, da wagen wir den Streich,
Das Schlossfräulein, die Kunigunde
Ich hab's ihr geschworen, ich mach ihn bleich.
Sie lässt uns hinein, sie ist mit im Bunde.

Dort ob den Studen, beim Burgmattbauer,
Da treffen wir uns mit Fackeln und Wehr
Und schleichen zum Schlosswald auf die Lauer
Bis ertönet das Zeichen vom Schlossturm her.

Dann mir nach, rasch in den Hof hinein!
Die Wache binden wir feste!
Wir fassen beim roten Fackelschein
Den alten Grafen im Neste.

Der Bolzen hier, ich schwör es euch,
Soll ihm den Kopf durchbohren!
Erscheint zu Hauf' dass keiner fleuch',
Sonst sind wir alle verloren.

1.Bauer:
Gut, abgemacht, um die zehnte Stunde,
Da treffen wir uns am besagten Ort.
Nach des Schlossturmwächters letzter Runde
Sei auch der letzte Streiter dort.

Sprechchor:
Das Unheil schreitet im Dunkel der Nacht,
Gewaltsam schafft Freiheit sich Bahn,
Bald ist die blut'ge Tat vollbracht;
Die neue Zeit bricht an.

Bild 3

Schloss Grenchen. Die Nacht bricht herein. Ein Steinkäuzchen schreit.

Personen: Turmwächter, Siegfried, der Graf, Kunigunde, Urs, 1.Bauer, die Schlosswache, bewaffnete Bauern, Spukgestalten.
Am Schlusse sammelt sich alles zum Schlusschor auf der Bühne.

Der Turmwächter:
(singt)

Chor:
(singt den Refrain)

Spukgeister:
(tanzen einen Reigen, Musik)
(Nach Schluss des Reigens, ertönt ein langer Hornstoss, die Spukgeister verschwinden, das Schloss wird erstürmt, Krachen, Heulen, Pfeifen.)

Siegfried:
(zur Wache)
Ihr Lotterbuben ergebt euch im Nu!
Schlagt auf das Tor zum alten Drachenneste!
Den Drachen schrecket auf aus seiner Ruh,
Das Mahl winkt heute uns zum Siegesfeste.

Der Graf:
(erscheint am Fenster)
Was sucht ihr hier, verfluchte Bauernbrut?
Ich leucht' euch heim, sollt in der Hölle braten.
In Strömen wird es fliessen euer Blut.

(zu Siegfried)
In welch' Gesellschaft bist denn du geraten? –

Siegfried:
(zielt mit der Armbrust auf den Grafen)
So stirb Tyrann, fahr hin zum letzten Gang,
Von deinem Joche ist das Volk befreit!

Kunigunde:
(stürzt aus dem Schlosse und wirft sich Siegfried in die Arme)
Dir mein Befreier – Dank mein Leben lang!
Dank sei dem Herrn in alle Ewigkeit!

1.Bauer:
Wer rettet Urs aus seines Kerkers Not?
Auf Leute, sprengt das Tor, s'ist hohe Zeit!
Schon brennt der Turm, zum Himmel leuchtets rot,
Die Flamme züngelt hoch und macht sich breit.

(Sie brechen ein und holen Urs herbei)

Urs:
(wird auf den Schultern herbei getragen, inzwischen haben sich alle Mitwirkenden auf der Bühne gesammelt)
Frei ist das Land, der Zwingherr ist gefallen.
Den Hymnus auf die Freiheit lasst erschallen! –

Chor:
(singt eine Freiheitshymne mit Orchester)

(Vorhang fällt)

ENDE

Quellen

(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)

Einzelnachweis

  1. *A.C.R.S. Den Stolz der Bauern zu demütigen dient dieses Gefängnis. Diese Buchstaben fand man eingemeisselt in Quadersteine, die von der Burg Grenchen stammten. Die Deutung, es handle sich um den erwähnten lateinischen Spruch, ist wohl ein Irrtum. Es waren wahrscheinlich Steinmetzzeichen, die zur Anordnung der Blöcke in der Turmmauer dienten.