Burg Grenchen - Hans Rudolf Zuber berichtet von den Ausgrabungen 1961

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Ausgrabungen 1961: Zeltunterkunft in der Mäschere.
Burg Grenchen 1961: Archäologen an der Arbeit.
Ausgrabungen 1959/1961: Eine provisorische Holzbrücke über den Burggraben verbindet die Strasse nördlich der Burg mit der Terrasse beim Burgwall.
Burg Grenchen: Backofen nach der Freilegung 1961.
Ausgrabungen 1961: Ende gut alles gut - Die Zeltunterkunft wird abgebrochen.
6. Klässler, Jg. 1949, aus Bettlach beim praktischen Heimatkundeunterricht: Schlussgrabung auf der Burg im Sept. 1961.

In den Sommerferien 1961 war vom 24. Juli bis zum 13. August die Ausgrabung der Burg Grenchen vorgesehen. Die Arbeiten sollten unter der Leitung von Werner Meyer aus Basel stehen - damals noch Gymnasiallehrer und noch nicht Dr. und Professor. Später wurde er bekannt als "Burgen Meyer". Seine Freundin und spätere Frau Liselotte war Administratorin, und Ernst Bitterli aus Olten amtete als Quartiermeister und Technischer Leiter.

Werner Meyer und ich hatten zusammen die Rekrutenschule in Liestal unter dem damaligen Schulkommandanten Jeanmaire[1] absolviert.

Als junger Lehrer, der seit fünf Jahren in Bettlach unterrichtete, wollte ich bei der Grabung mithelfen, und ich konnte auch meinen Kollegen René Bolle zum Mitmachen bewegen.

Unsere Unterkunft war für drei Wochen auf einem fast ebenen Platz in der 'Mäschere', einer kleinen Weidefläche über den 'Flüeli', in der Nähe von 'Salomons Hüttli' (ein paar Minuten östlich der Burg). Dort stellten wir ein behelfsmässiges Zelt auf. Eine Kochstelle, von der aus während dreier Wochen ungefähr dreissig Münder gestopft werden sollten, wurde errichtet. Für die Schlafstellen wurde Stroh geschüttet. Ernst hatte vom Zeughaus Armee-Wolldecken organisiert. Eine Latrine gehörte auch zu unserem Lager. Wasser bezogen wir aus dem damals noch fliessenden Mäschere-Brünnli.

Eine Schar junger Mittelschüler, meist aus Basel, einige auch aus unserer Gegend, bildete die Grabungs-Mannschaft. Die Burschen wurden je nach Muskelkraft zum Pickeln und Schaufeln eingesetzt, Mädchen halfen eher beim Zubereiten der Mahlzeiten, beim Zeichnen und Vermessen oder beim Säubern der zahlreichen Funde. Auch meine Frau Madeleine half mit. Sie wurde jeden Morgen von "Walker Sepp", dem damaligen Förster der Bürgergemeinde, oder von Ernst unten im Dorf geholt, zusammen mit Post und Lebensmitteln, und am Abend wieder zurückgebracht: Wir hatten im Juli des Vorjahres geheiratet, und ein Bäuchlein kündete junges Familienglück an. Darum wurde das weiche Bett dem doch etwas harten Strohlager vorgezogen.

Manchmal konnten wir abends oder frühmorgens Wild beobachten: Rehe ästen regelmässig gegen den Stock hinauf, und öfter schlich sich ein Fuchs dem Waldrand entlang gegen das Stockmätteli.

Nach dem Frühstück zog die Schar um acht Uhr mit geschultertem Werkzeug zur Burgstelle, und bald hallte der Bergwald von Pickelschlägen und manchmal auch von derben Flüchen wider. Eifrig, mit mehr oder weniger Ausdauer, wurden die manchmal meterdicken Schuttschichten abgegraben, sorgfältig dann die Fundschichten untersucht. Da wurde Erde gesiebt, Mauerwerk mit kleinen Bürsten gesäubert. Einige Helfer zeichneten die Fundstellen und Steinlagen, über die mit Schnüren Koordinatennetze gespannt wurden, und der Chef mass die gefundenen Mauerreste aus und fotografierte, gab Anweisungen, verteilte auch etwa Lob und Tadel.

Das Mittagessen wurde jeweils im Zelt, manchmal auch auf der Burgstelle eingenommen. Oefter brannte die Sonne heiss vom Himmel, und der Schweiss rann sogar den jungen Lehrern von der Stirn. Gegen den späten Nachmittag tönte wohl oft das Schlagen und Hämmern etwas verhaltener, und Werner spottete oft in breitem Basler-Dialekt, einige Burschen würden sich nur am Schaufelstiel aufrechthalten. René und ich, die 'Aeltesten', gaben uns natürlich sehr Mühe, nicht mit derartigen Basler-Sprüchen bedacht zu werden. Darum wurden wir dann auch unserer Ausdauer wegen oft an die dicksten und härtesten Schichten beordert, und das Lob über unsere 'Stachanoff-Arbeit'[2] spornte uns immer wieder an, Blasen und Müdigkeit zu vergessen.

Eines Abends stachelte uns Werner zu einem Grosseinsatz an: Noch war an einer Stelle ein gewaltiger Erdhaufen wegzuschaffen, und so legten René und ich eine Nachtschicht ein. Und siehe da: Etwa um halb zwei in der Frühe jubelte der Chef beim Schein einer Petrollampe über den gefundenen [[Burg Grenchen#Der Backofen | Backofen. Und tags darauf kam Dr. Hugi von der Museumsgesellschaft Grenchen heraufgekeucht und zeigte den herbeigerufenen Journalisten den sensationellen Fund.

Es war eine recht interessante Zeit, die wir dort oben auf der Burg verbrachten. Nach der strengen Arbeit wurde viel diskutiert, und schon damals versuchten wir in hitzigen Gesprächen, die Welt zu verbessern. Am folgenden Tag gabs dann wieder viele Steine, Felsblöcke, Erde und viele, viele Wurzeln wegzuräumen. Auch einige Regentage hielten uns nicht von unserem Tun ab. Im Dorf unten verstanden nicht alle Leute, was wir dort oben eigentlich taten, und man spottete unser, besonders natürlich über uns junge Lehrer.

Die 1. August-Feier fand auf dem 'Heimweh-Flüeli' statt. Dort entfachten wir ein grosses Feuer. Dr. Hugi lobte unsere Arbeit und unseren Einsatz, aber auch die Taten unserer Vorfahren mit bebender und beschwörender Stimme, und wir hörten eher gelangweilt und 'aufgeklärt' zu, denn Werner Meyer hatte uns schon vorher davon überzeugt, dass Wilhelm Tell wohl nie gelebt habe.

Item, unser Werk ging flott und mit Erfolg dem Ende zu, und am Sonntag, den 13. August, wurden die Zelte abgebrochen. Voller Stolz verliessen wir 'unsere Burg'.

Am Dienstag, den 19. September, zog ich mit meinen damaligen 6. Klässlern (Jg. 49) hinauf auf die Burg für eine 'Nachgrabung'. Ich hatte mit Werner Meyer abgemacht, dass ich mit meinen Schülern restliche Arbeiten noch erledigen würde. Auch hatten wir einige Fundschicht-Stellen reserviert, sie sollten sie bearbeiten dürfen, was natürlich voller Eifer und Tatendrang geschah. Das waren erlebnisreiche Geschichtsstunden! Nebst einigen Tierknochen fanden wir noch zwei Pfeilspitzen und einen Schlüssel, 'den Schlüssel zur Burg'. Er ist heute im Museum in Grenchen ausgestellt.

Einige Mädchen kochten in Kesseln eine feine Suppe, dieweil andere Schüler eifrig gruben und wischten und jedesmal jubelten, wenn wieder ein wirklicher oder auch vermeintlicher Fund zutage kam. Am Nachmittag, - er ist uns allen unvergesslich! – es mag etwa gegen halb vier Uhr gewesen sein, kam plötzlich ein Polizist fast atemlos das schmale Burgweglein heraufgekeucht und rief mir zu: 'Herr Lehrer, habt Ihr noch alle Schüler? Unter der Schlossfluh liegt ein toter Knabe!' 'Das darf ja nicht wahr sein!' durchfuhr es mich, und wohl schreckensbleich zählte ich meine Schäflein. Gott sei Dank! Es waren alle da. Nochmals zählte ich. Es fehlte niemand.

Etwas erleichtert, aber doch voller Schrecken, hiess ich meine Schüler sich setzen, und dann rannte ich zusammen mit einem Buben, es war der von Burg Erwin, so schnell wir konnten, den Burgweg hinunter. Unter der Schlossfluh blieben wir wie angewurzelt stehen: Ein Knabe lag auf einem grossen Felsblock wie schlafend, fast wie auf einem Altar.

Erwin versicherte mir, dass er den Toten nicht kenne, es sei kein Bettlacher. Am Abend vernahm ich, dass der 4. Klässler aus Grenchen, zusammen mit einem Kameraden, am Nachmittag auf der 'Unteren Burg' herumgekraxelt sei. Er sei wohl ausgeglitten und dann gefallen. Sein Kollege soll vor Schreck nach Hause gerannt sein und sich dort eine Zeit lang versteckt haben.

Der Bauer Roman Marti, der mit seinen Leuten 'im Hofacher' Emd eingebracht hatte, erzählte mir am folgenden Tag, dass er den Schrei des Knaben gehört und nach der Ursache geforscht habe. Er habe schliesslich die Polizei benachrichtigt.

Den Tag habe ich und wohl auch meine Schüler nicht vergessen. Jedesmal, wenn ich mit meinen Schulklassen zur Burg hinauf stieg, habe ich den Schülern die ' Sage vom Schlossherrn' (Schlossteufel) erzählt und auch vom traurigen Ereignis im September anno 1961 berichtet.

Quellen

  • Hans Rudolf Zuber, Bettlach, 11. Dezember 2001

(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)

Einzelnachweis

  1. Die Affäre Jeanmaire: 1976 wird Brigadier Jean-Louis Jeanmaire wegen Spionage verhaftet. Der Fall des Waffenchefs der schweizerischen Luftschutztruppen erregte besonderes Aufsehen. Brigadier Jeanmaire gab geheime Planungsgrundlagen an Agenten in der sowjetischen Botschaft weiter, was ihm eine mehrjährige Haftstrafe eintrug.
  2. Stachanoff: Nach dem sowjetischen Bergmann Alexej G. Stachanow (1905 - 1977) benannte Wettbewerbsbewegung in der UdSSR zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur Kostensenkung durch höchste Arbeitsleistungen. Stachanow hat 1935 seine Arbeitsnorm mit 1300% übertroffen. Dies diente als Vorbild für die Aktivistenbewegung in den ehemaligen kommunistischen Ländern.