Aus wirtschaftlicher Not eine städtebauliche Tugend gemacht

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Arbeitslose Uhrmacher beim Arbeitseinsatz an der Dählenstrasse.
Arbeitslose Uhrmacher beim Arbeitseinsatz nahe der Schönegg.

Die Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre hinterliess in Grenchen unübersehbare Spuren. Der Lindenpark und der Marktplatz waren zwei Projekte, die damals von Arbeitslosen im Rahmen eines eigenen Notstandprogramms erbaut wurden.

Die Ausarbeitung eines Notstandprogramms für Arbeitslose war eine grosse Herausforderung, welche zu einem guten Teil von der Bauverwaltung von Ernst Brunner bewältigt werden musste. Als sich der Arbeitsrückgang in der Uhrenindustrie 1930 zu einer Krise entwickelte, entwickelte die Gemeinde ein umfangreiches Notstandsprogramm. Ziel dieses Programms war es, Arbeitslosen sinnvolle Arbeit zu verschaffen, „zum andern entlasten solche Notstandsarbeiten das Budget und schaffen der Gemeinde bleibende Werte.“ Um das umfangreiche Programm finanzieren zu können, musste Grenchen eine Anleihe aufnehmen. Beiträge leisteten jedoch auch Bund und Kanton. – Im nachhinein kann man sich heute die kritische Frage stellen, ob mit diesem Programm die Arbeitslosigkeit im örtlichen und regionalen Baugewerbe noch angeheizt wurde. Allerdings ist anzunehmen, dass einige Projekte ohne den Druck der äussern Umständen nicht realisiert worden wären.

Strassen- und Kanalisationsbauten

Einen prominenten Platz im Programm nahm das Strassen- und Kanalisationsbauprogramm ein. 1930/ 31 erfolgte der Ausbau der Kanalisation in Staad und zwar mit Aufwendungen von rund 77'000 Franken (Gemeindeanteil: 58'000 Fr.) In den Jahren 1932 bis 1934 wurde die Drainage Riedern eingezogen und erfolgte im Gebiet Leimen/ Riedern eine Güterzusammenlegung. An die Gesamtkosten von 111'000 Franken leistete Grenchen 12'000 Franken. In den Jahren 1931/ 32 wurden entlang der Biel- und Solothurnstrasse Trottoirs errichtet, was Ausgaben von rund 96'000 Franken zur Folge hatten. Mit rund 30'000 Fr. beteiligten sich Private und rund 37'000 Franken Bund und Kanton an diesen Kosten. Der Stadt verblieb die Finanzierung von rund 30'000 Franken In diesen beiden Jahren wurden die Bündengasse und die Wiesenstrasse korrigiert. Die Kosten beliefen sich auf 57'000 Franken, wobei die Stadt 23'000 Franken leistete. Erstellt wurden in der gleichen Periode die Dählenstrasse, die Schild-Hugistrasse und der Höhenweg bis zur Schönegg. Die Gesamtkosten betrugen rund 212'000 Franken (Gemeindeanteil 115'000 Franken). In der gleichen Zeit wurden im Friedhof Planierungsarbeiten vorgenommen, konnte der Moosbach korrigiert werden und wurden im Gebiet Obere Schmelzi, in der Kastels- und Jura-, in der Brühl- und Leimenstrasse Kanalisationen eingebaut. Ferner wurde die Leimenstrasse ausgebaut und die Kastels- und Jurastrasse erfuhren eine bauliche Korrektur. 1934 wurden Kanalisationen in der Schmelzi- und in der Allerheiligenstrasse eingebaut, wurden entlang der Solothurnstrasse die beiden Trottoirs weitergezogen und wurden schliesslich im Zusammenhang mit dem Kanalisationsbau die Schmelzi- und die Allerheiligenstrasse korrigiert. 1934/ 35 wurde die Archstrasse ausgebaut und gleichzeitig korrigiert. Auch die Solothurnstrasse wurde korrigiert. Diese beiden sehr grossen Projekte beanspruchten einen Finanzbedarf von rund 337'000 Franken. Die Gesamtaufwendungen für das Notstandsprogramm beliefen sich auf 1.608 Mio. Franken. Davon hatte die Stadt 0.694 Mio. Franken zu tragen.

Zwei Plätze gestaltet

Am 9. Juli 1933 konnte der Lindenplatz der Öffentlichkeit übergeben werden. Damit war eines der wichtigsten Projekte des Notstandprogramms vollendet. Ursprünglich befand sich hier der Friedhof, wo in den Jahren 1870 bis 1911 die Erwachsenen beerdigt wurden. Um Platzreserven zu schaffen und gleichzeitig das Gebiet zwischen der christ-katholischen Kirche und den Schulhäuser der Spekulation zu entziehen erwarb die Stadt die anschliessende Liegenschaft Tschui für 27'000 Franken. Von 1909 bis 1931 befand sich hier auch die Liegenschaft von Friedhofgärtner Fritz Leutwyler. In der Hofstatt der beiden wurden zahlreiche festliche Anlässe gefeiert. Das Areal des Lindenparks misst 5'927 Quadratmeter und bevor der Platz gestaltet wurde, schrieb die Gemeinde bei den hiesigen Architekten sowie eines Gartenbaugeschäftes einen Wettbewerb aus, wofür eine Prämiensumme von 1'000 Franken zur Verfügung stand. Der Auftrag ging nach der Jurierung an das Gartenbaugeschäft von Gartenarchitekt Alcide Wullimann. Im Ausschreibungstext wurde festgehalten, dass der zukünftige Lindenpark der Bevölkerung als Ruhe- und Erholungsplatz dienen soll. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 53'570 Franken – 1959 erfolgte ein Teilveränderung der Anlage, damit das Denkmal für Bundesrat Obrecht aufgestellt werden konnte. Im Lindenpark befanden sich Grabsteine des alten Friedhofes, so unter anderem für Franz Rust, eidg. Major und Kommandant der Batterie Rust im Sonderbundskrieg. Er war Schwiegervater des Uhrenfabrikanten Urs Schild. Heute ist die schlichte, streng geometrische Form im Restpark leider nicht mehr erkennbar. Auch nicht, dass der Park im Norden seine Fortsetzung in der Baumallee vor dem Bezirksschulhaus hatte. In den Jahren 1932 und 1933 wurde im Rahmen des Notstandprogramms der Dorfbach im Gebiet des Marktplatzes eingedeckt. Das Projekt wurde von Architekt Carl Burkhard und Bauverwalter Ernst Brunner begleitet. Der kleine Fussweg, der die Bettlachstrasse mit der Schild-Rustrasse verband, musste aufgehoben werden. Im südlichen Teil des neuen Marktplatzes wurde die öffentliche Waage aufgestellt, die sich heute in der Nähe der ehemaligen Landwirtschaftlichen Genossenschaf beim Südbahnhof befindet. Mit der Gestaltung des Platzes verschwand ein gutes Stück Alt Grenchen und wurde Raum nicht nur für den Wochen- und Monatsmarkt geschaffen sondern auch für zukünftige Hochbauten. Rückblickend stellen wir fest, dass Grenchen die Notsituation während der Krise möglichst weitgehend als Chance nutzte und Investitionen für die bessere Zukunft tätigte.

Quelle

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