Als Gotthelf den Dorbach ausgerechnet nach Grenchen schickte

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In einer Geschichte lässt Gotthelf seinen „Helden“ von Biel herkommend über Lengnau und Grenchen nach Solothurn und Utzenstorf reisen. Dabei ist vom sauren Wein die Rede und vom Wert von Sekundarschulen; doch auch ein Gotthelf vermochte sich im Detail zu irren.

Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius), 1797-1854.

Neben seinen berühmten Emmental-Romanen schrieb Jeremias Gotthelf (1797 – 1854) eine ganze Reihe kleinerer Erzählungen, die wie die „Schwarze Spinne“ oder „Kurt von Koppigen“ bis heute populär blieben. Etliche kleinere Erzählungen jedoch wurden in spätere Gesamtausgaben nicht mehr aufgenommen. So auch die Erzählung „Doktor Dorbach der Wühler und die Bürglenherren in der heiligen Weihnachtsnacht1847“. Ausgerechnet in dieser Geschichte spielt das Grenchenbad eine allerdings untergeordnete Rolle. In Gotthelfs Erzählung ist Doktor Dorbach ein deutscher Emigrant, der ausgezogen ist, um den Schweizern Lektionen in den Fächern Freiheit und Freisinn zu erteilen. Offenbar fürchtete Gotthelf, dass namentlich deutsche Emigranten negative Einwirkungen auf das gesellschaftliche Leben der Schweiz hätten. Zu Beginn der Erzählung schildert Gotthelf wie Dorbach von Biel nach Solothurn reisen wollte und in Lengnau Halt machte, um das Terrain zu sondieren und um festzustellen, ob er hier mit seinen Vorträgen eine Stellung als Lehrer oder Redaktor und Anerkennung und finanzielle Unterstützung finden könnte.

„....Längnau darf auf keiner Karte vergessen werden. In Längnau ist nicht bloss die berühmte Huppergrube mit dem seltsamen Lehm, wie weder im Himmel noch auf Erden keiner mehr zu finden sein soll, aus welchem man das Kachelgeschirr macht, welches nie spaltet, in Längnau ist nicht bloss ein Schulhaus, welches an den Tagen, an welchen es darum herum aufgeräumt ist, die Zugänge wirklich auch gangbar sind, prächtig genannt zu werden verdient, in Längnau wächst nicht bloss ein Wein, der seinesgleichen nicht hat in Europa(derselbe vergläsurt die Magen, nämlich die, welche ihn ertragen mögen, so, dass sie fürder verdauen und verwerchen können an Speis und Trank, was unter dem Himmel auf Erden ist, hundertjähriges Kalbfleisch, französischen Branntwein in Nidau oder Biel gemacht, ja Specksalat von Schirling und Erbsmus mit Blausäure gekocht)“.

In Lengnau fand Dorbach keine Unterstützung; er zog weiter.

„...und sah alsbald Gränchen vor sich, Gränchen, das wunderliche!“

Dorbach nahm an, dass sich in Grenchen gegenüber früheren Besuchen nichts verändert habe.

„... statt nach dem berühmten Gränchenbad abzulenken, welches wenige Minuten vor dem Dorfe seitwärts liegt, und dort den Stand der Dinge zu rekognoszieren, marschierte er kühn ins Dorf und ins Wirtshaus hinein. Er dachte nicht, dass in Ortschaften, welche früher Flüchtlinge aufgenommen, sich der Geist so ändern könne als der Geist in den Menschen, welche ehedem als Flüchtlinge aufgenommen worden.“

Dorbach musste sich im Wirtshaus eines Anderen belehren lassen.

„Wahrscheinlich knüpfte eben Dorbach an Rückerinnerungen an und winkte mit dem Holzschläger, was Gränchen Fremden zu verdanken hätte....Von den Leuten in der Gaststube musste er sich sagen lassen, man habe hier des fremden Lumpenpackes satt. Man habe Erbarmen mit ihm gehabt und ihm zu Kleidern, Brot und Ehren geholfen, aber kaum sei es erwarmt gewesen, habe es den Meister spielen wollen im Hause, habe Streit und Zank angerichtet, den Leuten die Haare zusammengebunden, die ehrbaren Leute verlästert, der Väter Sitten und Religion verhöhnt, die Leute angeschmiert, das Beste vorweggefressen, die Schweizer Kühe geheissen. Wenn diese Leute irgendwo zur Macht kämen, wäre es das erste, dass sie die Schweizer unterdrücken und übers Land kämen nicht wie Landvögte, sondern wie die Läuse über die Bettler, die Mäuse über den Speck, die Füchse in den Taubenschlag.“

Gotthelf deutet an, dass sich die Grenchner von ihrer offenen und liberalen Politik Fremden und Verfolgten gegenüber abgewandt hätten. Dabei dürfte er sich schwer geirrt haben, denn am 23. Dezember 1863, neun Jahre nach Gotthelfs Tod, nahmen die Grenchner Stimmbürger „einhellig“ den polnischen General Graf Langiewicz ins Bürgerrecht auf. Gotthelf siedelte seine Geschichte vom Wühler Dorbach im Jahre 1847 an. Es ist anzunehmen, dass er die damalige Rolle Grenchens im Asylbereich sehr gut kannte. Vorsichtig schrieb er daher in der Erzählung :

„Nun kennen wir wohl unsern Dorbach, denn so heisst unser Männchen, dagegen aber die herrschende Stimmung in Gränchen viel zu wenig, um mit Sicherheit zu behaupten, die dortige Stimmung habe umgeschlagen“.

Gotthelf wusste sicher auch, dass der Deutsche Mathy in Grenchen als erster Lehrer der Sekundarschule (Bezirksschule) unterrichtet hatte. Deshalb wohl schreibt er in der Dorbach-Geschichte:

„Aber so dumm sind die Menschen, absonderlich da, wo Sekundärschulen sind, das heisst Schulen, welche aus Bauern sekundäre Herren machen, das heisst Halbherren, dass sie so was durchaus nicht begreifen noch verstehen.“

Dorbach glaubte im Grenchner-Wirt einen Gleichgesinnten gefunden zu haben und schwadronierte er möchte in Grenchen bleiben („Gränchen ist berühmt, man kennt in Deutschland diesen Ort; ich habe meine Hoffnung hierher gestellt...“) tagsüber wolle er eine Zeitung herausgeben und abends wissenschaftliche Vorträge halten. Der Wirt liess sich jedoch nicht überreden und wollte Dorbach keine Unterkunft geben. Er riet ihm, möglichst rasch nach Solothurn zu reisen.

„Dort haben sie immer Geld für was Narrs, darum ist das Land so arm“.

Sein Ende fand Dorbach schließlich in der Weihnachtsnacht in Uzenstorf am dortigen Bachtelexbrunnen

Quellen

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